Vier-Quellen-Weg im Gotthardmassiv

18.7.2014:  Oberalp – Vermigel-Hütte; 31215 Schritte

Ausgehend vom Oberalppass (2046 m ü. M.) senkt sich der als Vier-Quellen-Weg ausgeschilderte Wanderpfad vorerst ein paar Dutzend Höhenmeter parallel zur Passstrasse, verlässt diese aber bald Richtung Flanke des Berges, der die Wasserscheide bildet zwischen der bündnerischen Surselva und dem urnerischen Urserental. Während wir dort muntere Hangbächlein queren, welche mit ihrem Gurgeln das entfernte Brummen des Verkehrs auf den Serpentinen der Passstrasse ablösen, gewinnen wir allmählich an Höhe. Erstes Tagesziel für meine Frau Michiko und mich ist der Tomasee auf 2345 m. Vorbei an bimmelnden Braunviehherden, erhoffen wir das baldige Ende des Bergaufgehens hinter jeder nächsten Kuppe, was sich indes wiederholt als Fata Morgana entpuppt.

Blick in die Surselva
Blick in die Surselva

Erst nach zwei Stunden Wanderzeit taucht der einsame Tomasee, oder auf rätoromanisch Lai da Tuma, auf. Er wird ringsherum sowohl beschützt wie abgeschottet von imposanten, baumlosen Berghängen, bis auf jene schmale Stelle, wo sich sein Ausfluss als Rheinquelle in eine enge Kluft hinabstürzt. Wanderer, die den jungen Vorderrhein auf seinen ersten Metern begleiten, müssen ihre Standfestigkeit teilweise auf rutschigen Schneefeldern beweisen.

Tomasee - Rheinquelle
Tomasee – Rheinquelle

Es war Ende Juli 1980, als wir das erste und bisher einzige Mal die Rheinquelle aufsuchten. Was sogleich ins Auge fällt: Der See präsentiert sich heute total schneefrei, während ich damals (notabene auf unserer Hochzeitsreise) bei meinem Mutsprung ins arktische Wasser von schwimmenden Eisschollen angestarrt wurde…

Maighelstal mit Hütte
Maighelstal mit Hütte

In der Fortsetzung unserer Wanderung überspringen wir den jungen Rhein und folgen seinen übermütigen Kapriolen für ein paar Minuten talwärts, bis sich der neu erstellte Pfad, erst einer Bergflanke entlang, auf einen Sattel zu windet, von wo man das ausgedehnte Maighelstal umarmt. Mit einem kurzen Abstecher könnte man zur Maighels-Hütte aufsteigen und dort einen Zwischenhalt einschalten. Auf dem Weiterweg durch die menschenleere Hochmoorlandschaft geniessen wir die Abgeschiedenheit zwischen Berghängen mit Schneefeldern, die je höher desto kompakter in der Nachmittagssonne gleissen. Eine grandiose Fernsicht lohnt unser vorwärts Streben, vorbei an Tümpeln mit Seggen und Wollgräsern, dem nächsten Ziel entgegen, dem Maighelspass (2421 m). Dort verlassen wir das Bündnerland und steigen hinab in einen Seitenarm des Urserentals. Nur der idyllische Portgerensee gleich unterhalb des Passübergangs lenkt uns etwas ab von der Anstrengung des Abstiegs auf die 400 Höhenmeter tiefer sichtbare Vermigel-Hütte, wo wir unser Nachtlager haben. Dort angelangt, erfreuen wir  uns nach sieben Stunden Wandern noch einige Zeit des wolkenlosen Himmels und der Nachmittagssonne als Abschluss eines idealen Wandertages. 

Portgerensee
Portgerensee

19.7.2014:  Vermigel-Hütte – St. Gotthardpass;  30775 Schritte

Vier-Quellen-Weg
Vier-Quellen-Weg

Um sieben Uhr früh verlassen wir die Hütte und treffen um 14 Uhr auf dem St. Gotthardpass ein. Heute steigt der Weg eine Halbzeit lang bis zum Sellapass (2701 m), geht dann nur noch hinunter bis zum Gotthardpass (2106 m). Den Giübin (2776 m) lassen wir links liegen, da dichter Nebel die versprochene spektakuläre Rundsicht vermasselt.

Im Unterschied zum Vortag herrscht schlechte Fernsicht. Das trübt nicht unseren Blick auf die eigenartigen Felsformationen, denen wir beim Hochsteigen zum Sellapass begegnen; es handelt sich um verschieferten Granit. Hier ist das Reich, wo professionelle Strahler ihre Kristalle aus den Klüften buddeln. Uns bleiben ‚Brosamen’, die beim Abbau liegen blieben, denn es ist obendrein nicht gestattet, ohne Bewilligung nach Mineralien zu graben. Schneefelder in schräger Hanglage erschweren den Gang je mehr wir uns der Krete nähern. Wir profitieren von den Wanderern, die uns überholt haben, da ihre frischen Schuhabdrucke uns den Weg weisen.

Aufstieg zum Sellapass
Aufstieg zum Sellapass

Wir wähnen uns stolz, den Aufstieg in drei Stunden geschafft zu haben. In einer windgeschützten Nische verzehren wir unsern Lunch. Lautlos streifen flüchtige Nebelschwaden den Grat. Sie gewähren kurzfristige Ausblicke auf den 500 Höhenmeter tiefer liegenden Sellasee. An unserem Pfad über Geröllhalden und Schneefelder stehen ungewohnt zahlreiche verwaiste Steinbauten. So hoch oben hoffte die Schweizer Armee das Reduit Gotthardmassiv vor gut hundert Jahren zu verteidigen!

Sella Stausee
Sella Stausee

Ein besonders abschüssiges Schneefeld veranlasst uns, den vorgegebenen Pfad zu verlassen und über eine apere Schotterstrasse abzusteigen, die vermutlich durch die Armee unterhalten wird. Wir erreichen den Sella-Stausee und folgen diesem auf dem rechten Ufer bis zur Mauerkrone. Kurz unterhalb des Damms holt uns eine junge Frau aus der Vermigel-Hütte ein. Es ist bereits das dritte Mal heute, dass sie uns ein- und überholt. Sie hatte den offiziellen Pfad benutzt.

Blühende Alpenrosenbüsche am steilen Wegrand bedeuten, dass wir bald am Tagesziel ankommen, denn solche finden sich kaum über 2200 m.

Die Meteo meint es nicht gut mit uns für das anstehende Wochenende. Deshalb fahren wir nach Hause und warten auf das nächste Schönwetterfenster für die drei abschliessenden Etappen des Vier-Quellen-Weges, der erst 2009 durch eine Stiftung ins Leben gerufen wurde.

Historissche Postkutsche auf dem Gotthardpass
Historische Postkutsche auf dem Gotthardpass

Dienstag, 5. August

Wir treffen mit dem Postauto um die Mittagszeit von Airolo kommend auf dem Gotthardpass ein. Ein Halbtag zur Höhenanpassung, zur Entschleunigung wie es zeitgemäss heisst. Musse, das Museo Nazionale del San Gottardo zu besuchen. Es zeigt Exponate dieses kürzesten und wichtigsten Alpenübergangs aus geschichtlicher Perspektive und mit einer Multi-Visions-Show auch einiges  über den Mythos San Gottardo.

Suworow-Denkmal auf dem Gotthardpass
Suworow-Denkmal auf dem Gotthardpass

Von besonderem Interesse ist der Besuch der Festung Sasso San Gottardo.

„Tief im Inneren des Berges verbirgt sich eine bis vor wenigen Jahren streng geheime Artilleriefestung der Schweizer Armee. Was einst als unbezwingbare Festung galt und als Reduit Schweiz in die Geschichtsbücher einging, beherbergt heute eine unvergessliche Welt zu Themen der Nachhaltigkeit und des Mythos Schweiz. Besuchen Sie die multimedialen Ausstellungen über Wasser, Wetter und Klima, Energie, Sicherheit, Mobilität und Landschaft sowie die Bedeutung des Goldes für die Schweiz. Mit der unterirdischen Metro „Metro del Sasso“ fahren Sie hinauf in die historische Festung. In den Geschützräumen, Munitionsmagazinen und Unterkünften tief im Fels erleben Sie Geschichte hautnah. Ein Stollen führt ins Freie, wo Sie die Aussicht auf  die bezaubernde Bergwelt aus einer überraschenden Perspektive geniessen können. Ein unvergessliches Erlebnis für jung und alt, Familien, Schulen und Gruppen!“

(aus Prospekt)

Im Hotel rät man uns für den Besuch des SASSO zu warmer Kleidung, erwähnt aber nicht, dass es dienstags geschlossen ist.

Lucendro-Stausee
Lucendro-Stausee

So erkunden wir den morgigen Wanderweg Richtung Lucendro-Stausee und sind gar nicht unfroh um den Rat, uns warm anzuziehen… Der Wettergott zeigt seine Facetten Wind, Regen, Sonne, Kälte der Reihe nach. Bald verziehen wir uns in das niedlich kleine Zimmer im Albergo San Gottardo.

6. 8. 2014: Gotthardpass – Piansecco-Hütte; 36976 Schritte

Um halb acht früh flattert die Schweizerflagge am Fahnenmast vor unserem Zimmerfenster Richtung Süden. Wir nehmen das längste Teilstück in Angriff. Sobald wir bei der Basis der Lucendro-Staumauer in die wärmende Morgensonne eintauchen, machen wir Tenue-Erleichterung. Ein wolkenloser Himmel beugt sich über die erstarrte Alpenwelt. Tauperlen glitzern auf gesättigten Grashalmen und Blütenblättern. Dem kurzen Aufstieg auf den Uferweg folgt der angenehme Gang zur Alpe di Lucendro, wo zwei  junge Hirten eben eine Herde Ziegen und Schafe auf die Alpweide treiben. Just dahinter fängt die Steigung an Richtung Lucendropass. Auf diesen steilen Kehren überholen uns zahlreiche Wanderer. Einige rasten beim nächsten Zwischenboden, der einen kleinen, spiegelglatten, zum Teil gefrorenen Bergsee birgt, der als Quelle der Gotthardreuss gilt (2480 m). Es gibt mehrere  Zuflüsse im Urserental, die den Beinamen Reuss tragen und dafür sorgen, dass der viertgrösste Fluss der Schweiz beim Verlassen des Urserentals Furcht einflössend durch die Schöllenenschlucht zwischen Andermatt und Göschenen hinabdonnert.

Quelle der Gotthardreuss
Quelle der Gotthardreuss

Ein paar Dutzend Höhenmeter verbleiben bis zur Wasserscheide Lucendropass (2522 m).  Wir bewältigen auch diese, zufrieden, dass wir sie in drei Stunden geschafft haben. Lang und mühsam ist das Runtersteigen auf eine breite Schotterstrasse. Unterwegs überspringen wir junge Bächlein, die uns ihre Geschichte in der Sprache des Bedrettotals anvertrauen: Sie chiacchierano (plaudern), borbottano (murmeln),  gorgogliano (gurgeln) dem Ticino zu, dessen Quellregion wir morgen anpeilen.

Sentiero alto Bedretto
Sentiero alto Bedretto

Der sentiero alto Bedretto auf der nördlichen Flanke des Bedrettotales bildet unsere Aussichtstribüne während Stunden. Wir passieren imponierende Lawinenschutzbauten. Der Hang ist starker Erosion ausgesetzt. Am Besten beobachten wir das an ganzen Schollen von Heidelbeerstauden, die die schiefrige Böschung hinuntergeschlittert sind und nun am bergseitigen Strassenrand andocken.

Unser Weg scheint in eine Sackgasse zu führen: Vor uns erhebt sich eine Geröllwüste, begrenzt durch steile Granitwände. Diese zu überwinden würde man sich nicht ohne weiteres befähigt halten. Aber leuchtet nicht auf der anderen Seite dieser Herausforderung das Dach der Piansecco-Hütte auf? Im Zickzack winden wir uns gefühlte zweihundert Höhenmeter auf Gesteinsbrocken empor. Auf der andern Seite der Schlucht setzt sich der Pfad fort, nur von einer Hütte ist nichts mehr auszumachen. Wir werden weiterhin von Wanderern überholt, was uns beruhigt, denn das versichert uns, das herbeigesehnte Tagesziel nicht verpasst zu haben. Erst nach Überwindung weiterer Tobel mit Sturzbächen taucht unser Nachtlager auf, gut getarnt zwischen Nadelbäumen. Die rund achteinhalb Stunden Wanderzeit sind untermauert durch 36976 Schritte gemäss Michikos Schrittzähler. Der frühmorgens stahlblaue Himmel hat sich längst undifferenzierbar überzogen, was das Wandern angenehm machte.

7. 8. 2014: Piansecco-Hütte – Obergesteln VS

Gleich von der Hütte steigt der Pfad sachte an. Wir folgen dem Bedrettotal einwärts bis an sein Ende, welches der Nufenenpass (2480 m) bildet. Weit unten rüstet sich die Nufenen-Passstrasse zum Erklimmen der Wasserscheide Ticino – Rhone. Namenlose Bächlein gurgeln an uns vorbei. Im Vorübergehen spiegelt sich unser Ebenbild in manch unverhofft auftauchenden Seelein und Tümpeln. Es ist indes die Alpenflora, die unsere Sinne betört. Sie ändert sich mit steigender Höhe, entlockt uns aber mit leuchtenden Farben rot, tiefblau, gelb Superlative bis zum Übergang ins Wallis. Nachdem wir keuchend Höhenmeter um Höhenmeter erklommen haben, gelangen wir an die Stelle, wo ein Granitblock die Region markiert, welche als Quellgebiet des Ticino angesehen wird. Ironischerweise stürzen sich dahinter mindestens zwei zu Wasserkaskaden mutierte Rinnsale über eine Steilwand. Ihr Landeplatz soll also die Quelle des Ticino sein. Va bene.

Quellregion des Ticino
Quellregion des Ticino

Weiter geht der Aufstieg, vorüber an Schneefeldern, welche zum Überleben schattige Winkel in Hanglagen besetzt halten. Unglaubliche Blumenteppiche beweisen, wie schnell die Flora den kurzen Bergsommer erobert hat. Wir überqueren die Wasserscheide Ticino-Rhone an einem windgeschützten Seelein zwischen Felsblöcken, ideal für unsere Mittagsrast. Die Passstrasse mit dem aufdringlichen Motorengetöse lassen wir rechts liegen.

Der Abstieg auf Walliserseite erfordert Vorsicht. Rutschpartien im aufgeweichten Boden könnten zu unkontrollierbaren Stürzen führen. Die Abzweigung von der Nufenenstrasse zum Griessee ist breit, darf aber von Motorfahrzeugen nicht befahren werden. Einsam dreht ein riesiges Windkraftwerk am Horizont seine behäbigen Runden, was auf Wind in der Umgebung des Griespasses hindeutet.

Wir haben den fast kreisrunden, türkisfarbenen Griessee (2386 m), den höchstgelegenen Speichersee der Schweiz, der vom gleichnamigen Gletscher gespeist wird, vor Jahren auf unserem Weg auf der Sbrinz-Route vom Goms über den Gries Saumpfad ins Val Formazza (Pomatt) bewundert.  

Blumenteppich auf dem Weg nach Ulrichen
Blumenteppich auf dem Weg nach Ulrichen

Jetzt folgen wir dem Wegweiser hinunter nach Ladstafel und Ulrichen auf Walliserseite. Diesen Pfad nutzen Vier-Quellen-Weg und Sbrinz-Route gemeinsam. All jene Wanderer, welche vielleicht auf dem Nufenenpass der Versuchung erlegen sind, ins Postauto zu steigen, sie verpassen die paradiesische Alpenflora, welche uns die Mühen des Abwärtsgehens vergessen lassen. Schliesslich sind aber auch wir froh, als die Ortstafel Ulrichen auftaucht. Wir ziehen noch eine halbe Stunde weiter auf dem flachen Talboden und checken rund acht Stunden nach Aufbruch in der Piansecco-Hütte im Hotel Grimsel in Obergesteln ein.

8. 8. 2014:  Obergesteln – Gletsch – Furkapass – Rhonequelle – Belvédère Furka  

Um 15 Uhr bin ich am Ziel im Hotel Belvédère beim Tor zum Rhonegletscher für den Massentourismus.

Der Reihe nach: In frischem morgendlichem Elan nehmen wir den Weg von Oberwald in Angriff. Das Gehölz in der Umgebung des Dorfes kennen wir vom winterlichen Langlaufen. In den ersten Steigungen grüssen uns Suppentellergrosse Fliegenpilze zur Begleitmusik der übermütigen Rottu, wie die Rhone im Goms genannt wird. Wie wir es gewohnt sind, werden wir von schnelleren Zeitgenossen überholt. Zum Getöse des Flusses über eindrückliche Felsvorsprünge gesellt sich das eindringliche Gedröhn der Motoren auf der windungsreichen Strasse Richtung Gletsch.

Fliegenpilz am Wegrand
Fliegenpilz am Wegrand

Um die Mittagszeit erreichen wir Gletsch (1759 m) und das Hotel Glacier du Rhone, Zeit für eine kurze Rast. Vor dem Restaurant treffen wir das niederländische Paar, mit welchem wir in der Piansecco-Hütte zu Nacht gegessen haben. Wir beglückwünschen die beiden, den gestrigen Weg ins Tal zu Fuss zurückgelegt zu haben; wir hatten das nämlich von einer Passagierin des Postautos erfahren, die sie beobachtet hatte. Den letzten Tag aber haben sie nicht mehr im Sinne, bis zum Ende durchzuziehen. Sie sind nach Gletsch im Postauto angereist. Nun beabsichtigen sie, bis Belvédère Furka zu wandern, bevor sie in ihre Heimat abreisen.

Dampfbahn Realp-Oberwald
Dampfbahn Realp-Oberwald

Michiko hat ebenfalls genug. Sie nimmt mir einiges vom Rucksack ab und wartet auf der Sonnenterasse des Hotels auf meine Rückkehr. Dadurch kann ich die ‚Bremsen lösen’ und den abschliessenden Aufstieg zum Furkapass alleine unter die Füsse nehmen. Bis Muttbach-Belvedere trägt mich ein angenehm ansteigender Pfad, der oberhalb Gletsch den Blick frei gibt auf die vegetationslosen Narben, die der Eisstrom beim Rückzug auf der gegenüber liegenden Hangseite hinterlassen hat. Der private Dampfzug auf der Bergstrecke Realp-Oberalp schnaubt gerade talwärts. Dort, wo die Furka-Passstrasse die Talseite wechselt, steigt der Pfad ins Muttbachtal, auf die Höhe des Scheiteltunnels nach Realp. Es beginnt der steile Zickzack-Anstieg zum Furkapass. Eine Vierergruppe Wanderer, wie ich auf dem finalen Vier-Quellen-Weg, folgt mir auf den Fersen, aber jetzt dulde ich kein Überholen mehr. Niemand vernimmt mein Keuchen auf den Spitzkehren, wo sich zu meinem Erstaunen zwei Mountain Biker hinabstürzen. Auf halbem Weg legen die Verfolger einen Zwischenhalt ein, wodurch ich den Furkapass (2429 m) unbedrängt erreiche. Dort zeigt ein Wegweiser die Richtung zur Aussichtsplattform auf den Rhonegletscher, ein schmaler Pfad der ansteigt und dessen Ziel in 55 Minuten erwandert werden kann. Einsam überwinde ich die erneute Steigung, die alsdann in einen Schräghang übergeht. Nachdem ich die letzten Hindernisse in Form mächtiger Felsblöcke überwunden habe, stehe ich unmittelbar auf einer Kanzel, von wo ich den ganzen verbleibenden Rhonegletscher bestaunen kann. Er ist immer noch majestätisch, knapp zehn Kilometer lang, obwohl Glaziologen sein unausweichliches Verschwinden in ca. 150 Jahren voraussagen. Eindrücklich erkennt man den Moränenrand, der den Höchststand des Gletschers um 1850 anzeigt, als er bis an das Hotel Glacier du Rhone vordrang. Heute labt sich die Gletscherzunge im stets grösser werdenden See vor der Stelle, wo die Gischt in mehreren sichtbaren und verborgenen Stromschnellen ins tiefe Tal hinabdonnert.

Während weiter unten der alte Kasten des Hotels Belvédère auf  bessere Zeiten wartet, eilen viele motorisierte Touristen durch das Drehkreuz im Kiosk gegenüber, um ein paar Schritte in die Eisgrotte zu wagen, die dem Gletscherpatienten jedes Jahr zur Befriedigung dieser Neugier ausgebuddelt wird. Die weissen Tücher auf der darüber liegenden Eisfläche sollen das Abschmelzen eindämmen.

Rhonegletscher ca. 10 km
Rhonegletscher ca. 10 km

Von der Stelle, wo die Macher des Vier-Quellen-Wegs 2009 den markanten Granitstein für die symbolische Quelle der Rhone gesetzt haben, überblickt man sowohl den soliden Gletscher in seiner ganzen Länge und erstaunlichen Breite, als auch die moribunde Gletscherzunge, welche in ihrem eigenen flüssigen Element langsam aber stetig abschmilzt. Diese Gesamtschau, wie auch die Rundsicht in die Walliser Viertausender und der Blick nach Gletsch hinunter, wo sich die Serpentinen der Furka- und Grimselpassstrassen mit der jungen, mäandernden Rhone wie lose Garnfäden kreuzen, dieser Blick ist der verdiente Höhepunkt der fünftägigen Wanderung vom Oberalppass durch das Gotthardmassiv.

Furka- und Grimselpassstrasse treffen in Gletsch auf die Rhone
Furka- und Grimselpassstrasse treffen in Gletsch auf die Rhone

Als die Vierergruppe im Belvédère auf ein abschliessendes Bier eintrifft, gratulieren wir uns gegenseitig. Gerne hätte ich Michiko diese Genugtuung ebenfalls gegönnt, aber die Neo-Siebzigerin kennt ihre Grenzen. Sie kann stolz sein, auf das, was sie erreicht hat. Wer den Weg soweit gemacht hat, wie sie, ist fit. Wer nicht fit ist, schafft ihn nicht so weit.

* * *

Literatur: „Vier-Quellen-Weg im Gotthardmassiv“  Wanderungen zu den Quellen des Rheins, der Reuss, des Ticino und der Rhone. ISBN: 978-3-906200-46-0

Copyright 2014 by Josef Bucheli

8 Gedanken zu „Vier-Quellen-Weg im Gotthardmassiv“

  1. Hoi Joe
    Wie du siehst, habe ich’s gefunden – beeindruckende Wanderung und wie immer, sehr schöne Foto’s – aber kriegt ihr nie Fussschmerzen? Ich langsam schon, oder auch Muskelkater.
    Na wir sind ja auch nicht nur 60, gell?
    Liebe Grüsse. Ole

    1. Hi Ole, wir sehen uns an der Zuger Herbstmesse. Gastregion das GOMS. Dort können wir mehr plaudern über Gott und die Welt. Und vielleicht Gommer Cholera essen…

  2. Hi Mimi, and you were the star of the trip. You invited me to the Vier-Quellen-Weg as a proof that you are „still going strong“ after reaching 70 years of age. Congrats!

  3. Hallo Joe
    Unglaublich was ihr zwei da wieder unternommen habt. Herzlichen dank, dass du uns auf eure interessante und sicher anstrengende Wanderung in Worten mitgenommen hast. Über deine schriftstellerische Begabung und dein Allgemeinwissen kann man nur staunen. Deine Posts zu lesen ist immer wieder ein Genuss.
    Vielen dank u lieber gruss
    Erich u Regi

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