{"id":4,"date":"2015-11-10T16:40:40","date_gmt":"2015-11-10T15:40:40","guid":{"rendered":"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/?p=4"},"modified":"2015-11-24T17:49:06","modified_gmt":"2015-11-24T16:49:06","slug":"jura-hoehenweg-von-dielsdorf-nach-nyon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/2015\/11\/10\/jura-hoehenweg-von-dielsdorf-nach-nyon\/","title":{"rendered":"Jura H\u00f6henweg von Dielsdorf nach Nyon"},"content":{"rendered":"<p>11. Oktober 2015<\/p>\n<p><strong>Dielsdorf \u2013 Turgi; 37111 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Der Jura-H\u00f6henweg besteht offiziell aus 15 Tagesetappen und beginnt im z\u00fcrcherischen Dielsdorf, um in Nyon am Genfersee zu enden. Das erste Teilst\u00fcck f\u00fchrt \u00fcber den \u00f6stlichsten Ausl\u00e4ufer des Faltenjuras, die L\u00e4gern, und endet im aargauischen Brugg, nach anspruchsvollen 895 m Steigungen und 970 m Gef\u00e4llen.<\/p>\n<p>Offiziell heisst, nach Empfehlungen des Herausgebers eines praktischen Paperback F\u00fchrers <em>Jura H\u00f6henweg<\/em> durch \u201eSchweizer Wanderwege\u201c, Monbijoustrasse 61, 3000 Bern 23 und des Schweizerischen Juravereins, Postfach, 4003 Olten. Das Werk hat die ISBN 978-3-03800-574-2 und erschien im AT Verlag.<\/p>\n<p>Spontan gesellen sich unsere weissrussischen Neo-Schweizer Freunde Dima und Katja aus Altstetten zu uns. Den Tag hatten wir mit ihnen als Ausweichdatum vorgesehen f\u00fcr eine Herbstwanderung in der Innerschweiz. Beim Aufbruch in Dielsdorf besitzen wir zwar Angaben zum Profil der Ausgangsetappe, aber ich h\u00e4tte trotzdem nicht erwartet, schon bald auf einen Bergweg mit exponierten Passagen zu stossen. Erschwerend kommt der dichte Herbstnebel hinzu, der die schr\u00e4g aufget\u00fcrmten obersten Gesteinsschichten auf dem Grat glitschig macht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_47\" aria-describedby=\"caption-attachment-47\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-11-10.25.13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-47\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-11-10.25.13-1024x1024.jpg\" alt=\"Katja, Michiko, Dima: Seltsam, im Nebel zu wandern...\" width=\"474\" height=\"474\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-11-10.25.13-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-11-10.25.13-150x150.jpg 150w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-11-10.25.13-300x300.jpg 300w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-11-10.25.13.jpg 1936w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-47\" class=\"wp-caption-text\">Katja, Michiko, Dima: Seltsam, im Nebel zu wandern&#8230;<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00dcber weite Strecken, besonders ab Dielsdorf und vor Baden verw\u00f6hnen uns Waldwege der feinsten Sorte; es raschelt unter unsern F\u00fcssen, denn bereits hat sich viel Laubwerk von den Gemischtw\u00e4ldern selbst\u00e4ndig gemacht. Die Waldesruhe am fr\u00fchen Sonntagmorgen gereicht uns zu einem seltsamen Hier-und-Jetzt-Gef\u00fchl, denn wir sind allein mit dem Ger\u00e4usch unter unsern Sohlen. In Waldlichtungen dr\u00e4ngt der Nebel zwischen die Baumkronen und verleiht der Landschaft die jahreszeitliche Melancholie. Im Laufe des Vormittags kommen uns Wanderer entgegen, auch kleinere Gruppen. Alle zeichnet gutes Schuhwerk aus, etwas, was ich erst f\u00fcr kommende Etappen vorgesehen habe; f\u00fcr heute habe ich leider auf kn\u00f6chelfreie Sportschuhe gesetzt. Das r\u00e4cht sich entlang der schmalen Krete, wo tektonische Schichten sich schr\u00e4g auft\u00fcrmen, so dass der zahnende Bergr\u00fccken seine aalglatten Frontbeisser zeigt. Zum Gl\u00fcck bricht bald die w\u00e4rmende Sonne an den ausgesetzten Stellen durch und trocknet den Weg auf der Gratwanderung zwischen den links wie rechts steil abfallenden W\u00e4nden des \u00f6stlichen Juraausl\u00e4ufers.<\/p>\n<p>Unsere heutigen Begleiter verabschieden sich in Baden. Meine Frau und ich beschliessen, die Tagesration bis Turgi zu verl\u00e4ngern, wobei wir von der vorgesehenen Streckenf\u00fchrung \u00fcber Baldegg abr\u00fccken und stattdessen auf dem flachen, malerischen Wanderweg entlang der Limmat Turgi zustreben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22\" aria-describedby=\"caption-attachment-22\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-12-07.02.00.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-22\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-12-07.02.00-1024x765.jpg\" alt=\"Breakfast at Benjamin &amp; Yumie's\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-12-07.02.00-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-12-07.02.00-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22\" class=\"wp-caption-text\">Breakfast at Benjamin &amp; Yumie&#8217;s<\/figcaption><\/figure>\n<p>In Turgi besteigen wir den Lokalzug zur\u00fcck nach Baden, wo wir von Sohnemann Benjamin und seiner Frau erwartet werden. F\u00fcr die erste \u00dcbernachtung eine ideale L\u00f6sung f\u00fcr uns, obwohl wir der schwangeren Yumie damit einiges an Arbeitsaufwand zumuten. Trotzdem wir das anvisierte Tagesziel \u2013 Brugg \u2013 knapp verpasst haben, bleiben wir im Fahrplan, denn die zweite Etappe von Brugg auf die Staffelegg ist relativ kurz, sodass wir das fehlende Teilst\u00fcck am morgigen Tag nachholen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>12. Oktober 2015<\/p>\n<p><strong>Turgi<\/strong> <strong>\u2013<\/strong> <strong>Staffelegg; 33555<\/strong> <strong>Schritte<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr dieses Teilst\u00fcck setze ich mit Sportschuhen auf das richtige Schuhwerk. Bis Brugg bleiben wir auf dem flachen Wanderweg entlang der Aare. Baden ebenso wie Brugg haben sehenswerte Ortsbilder, auch wenn deren Beschreibung hier zu kurz kommt. Dabei ist neben der verwinkelten Altstadt hier wie dort die geografische Lage an einem wichtigen Fluss mit entscheidend f\u00fcr die geschichtliche Entwicklung und das heutige Erscheinungsbild.<\/p>\n<p>Ausgangs Brugg finden wir \u00a0auf unsern mit einer gr\u00fcnen Nummer 5 beschilderten Juraweg zur\u00fcck. Die Steigung auf den nahen H\u00fcgelzug ist sanft und vollzieht sich im Schutze eines Gemischtwaldes. Die Laubb\u00e4ume haben den Weg tapeziert. Trotzdem leuchten an der Bl\u00e4tterfront der Waldr\u00e4nder alle erdenklichen Farben in der Herbstsonne. Der breite Schotterweg f\u00fchrt auf eine offene Hochebene. Von dort bietet sich ein Tiefblick auf das vom beh\u00e4bigen Lauf der Aare gepr\u00e4gte Schweizer Mittelland und in meist bewaldete sanfte H\u00fcgelz\u00fcge. In der Weitr\u00e4umigkeit geniesst man mitunter eine in der Schweiz rar gewordene Gelegenheit ohne eine menschliche Siedlung im Blickfeld. An einem Aussichtspunkt im Waldesinnern treffen wir auf Wanderer aus der Gegenrichtung. Oberhalb von Linn machen wir kurz Halt im Schatten einer m\u00e4chtigen, angeblich 700 \u2013 800 Jahre alten Linde, mit einem stolzen Stammesumfang von elf Metern!<\/p>\n<figure id=\"attachment_23\" aria-describedby=\"caption-attachment-23\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02404.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-23\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02404-1024x681.jpg\" alt=\"Die Linde von Linn\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02404.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02404-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-23\" class=\"wp-caption-text\">Die Linde von Linn<\/figcaption><\/figure>\n<p>Unter kurzen Auf und Ab, bald im Wald oder am Rande eines Geh\u00f6lzes, erreichen wir die Staffelegg, wo das einzige Restaurant wegen Wirtesonntag geschlossen hat. Daf\u00fcr bringt uns das Postauto nach Aarau, von wo wir die Heimreise in die Innerschweiz antreten. F\u00fcr das n\u00e4chste Teilst\u00fcck nach Hauenstein werden wir uns nach den Wettervorhersagen richten und passendes Schuhwerk vornehmen. Bessere Bedingungen als heute sind kaum denkbar, denn die Sonne verzauberte die von Waldr\u00e4ndern gepr\u00e4gte bunte Landschaft und w\u00e4rmte den Wanderer ohne ihn zum Schwitzen zu bringen. So oder so, freuen wir uns auf das n\u00e4chste Teilst\u00fcck nach dem Motto: <em>\u201eHip Hip Jura!\u201c<\/em><\/p>\n<p>25. Oktober 2015<\/p>\n<p><strong>Staffelegg \u2013 Hauenstein; 37321 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Gem\u00e4ss unserer Reisefibel legen wir heute 19.5 km zur\u00fcck, verkraften aufw\u00e4rts 910 m und erholen uns auf 860 m Gef\u00e4lle. Soviel zur Theorie.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24\" aria-describedby=\"caption-attachment-24\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-25-12.28.51.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-24\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-25-12.28.51-1024x765.jpg\" alt=\"Herbstwald\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-25-12.28.51-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-25-12.28.51-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-24\" class=\"wp-caption-text\">Herbstwald<\/figcaption><\/figure>\n<p>Da mit dem heutigen Sonntag die Sommerzeit in den Winterschlaf geschickt wurde, h\u00e4tten wir eine Stunde l\u00e4nger schlafen k\u00f6nnen. Aber wir entscheiden, die Abfahrtszeit von Zuhause nach dem Sommerfahrplan zu machen, um die Etappe ganz ohne Zeitdruck angehen zu k\u00f6nnen. So erreichen wir die Staffelegg kurz vor acht Uhr. Feld- und Kieswege begleiten unsere erste Marschstunde unter einem Himmelszelt mit Regendrohgeb\u00e4rden. Darnach schluckt uns Jurawald \u00fcber die meiste Zeit. Das bedeutet, dass es raschelt unter den Sohlen. Der goldene Herbst hat zwar, je h\u00f6her wir steigen, den H\u00f6hepunkt \u00fcberschritten. Die Wipfel der Laubb\u00e4ume lichten sich, aber das windgesch\u00fctzte Unterholz steht uns mit seinen bunten Bl\u00e4ttern nach wie vor Spalier. Einige Wanderer kreuzen unsern Weg. Wir machen Mittagsrast just an der Stelle, die als der geografisch h\u00f6chste Punkt des Kantons Aargau gilt. Kurz darauf wechseln wir in den Kanton Solothurn. Unweit davon bietet uns ein Ausblickspunkt einen umfassenden und grossartigen Weitblick in den Baselbieter Jura und dar\u00fcber hinaus in die Vogesen und den Schwarzwald, alles unter einem blassblauen Himmel mit Restwolken am fernen Horizont. Bereits haben einige Passquerungen unseren Weg gekreuzt. B\u00e4nkerjoch und Salh\u00f6he bieten Postautoservice an. Vom Aussichtspunkt Geissflue f\u00fchrt unser Weg etwas steil hinab zum n\u00e4chsten \u00dcbergang zwischen Baselland und dem schweizerischen Mittelland. Dort m\u00fcssen wir eine Wegmarkierung verpasst haben und folgen f\u00e4lschlicherweise der ellenlangen Strasse nach Zeglingen. Bereits unterwegs schwant uns, dass wir vom rechten Wege abgekommen sein k\u00f6nnten. Unten im Dorf versucht uns ein hilfsbereites \u00a0Paar mit Kartenmaterial aber ohne lokale Kenntnisse zu helfen. Am Ende bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig, als auf einer asphaltierten Nebenstrasse Richtung Wisen SO zu wandern, was uns ein paar hundert Meter Steigung zus\u00e4tzlich abfordert. Weil auf der kurvenreichen Strasse zahlreiche T\u00f6fffahrer auf dem brummenden Untersatz ihrer Leidenschaft fr\u00f6nen, sind wir froh, dass uns in Wisen jemand einen Feldweg als Alternative vorschl\u00e4gt, um zum markierten Juraweg zur\u00fcckzufinden. Am Zielort Hauenstein reicht es gerade noch zu einem Bierchen, bevor uns das Postauto nach Olten bringt, von wo wir per Bahn in die Innerschweiz zur\u00fcck reisen. Meine Frau unterl\u00e4sst jede Schuldzuweisung f\u00fcr den ungeplanten Umweg, was sehr f\u00fcr sie spricht!<\/p>\n<p>26. Oktober 2015<\/p>\n<p><strong>Hauenstein \u2013 Balsthal; 37386 Schritte\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Die heutige Marschdistanz betr\u00e4gt 21.2 km, mit 975 m Steigungen und 1155 m Gef\u00e4llen. Und alle diese Werte erreichen wir in vern\u00fcnftiger Zeit. Weshalb gebe ich die beanspruchte Zeit nicht an? Weil ich das nicht f\u00fcr n\u00f6tig halte. Michiko (71) und ich (69) k\u00f6nnen selbstredend nicht mithalten mit Sportlern, welche ihre Leistung daran messen, wie viel schneller sie eine Strecke bew\u00e4ltigen, als die Marschtabelle angibt. Am heutigen Tag hat uns ein junger Mann gleich zweimal \u00fcberholt und uns beim zweiten Mal gefragt, ob wir eine Abk\u00fcrzung gefunden h\u00e4tten. Er hatte sich n\u00e4mlich verlaufen. Kann mal vorkommen, siehe gestern.<\/p>\n<figure id=\"attachment_26\" aria-describedby=\"caption-attachment-26\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-26-08.09.29.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-26\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-26-08.09.29-1024x765.jpg\" alt=\"Aufw\u00e4rts im Herbstwald\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-26-08.09.29-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-26-08.09.29-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-26\" class=\"wp-caption-text\">Aufw\u00e4rts im Herbstwald<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die ersten zwei Stunden bestehen aus einem endlos anmutenden Aufstieg auf die Belchenflue. Alles im Nebel. Nebel ist denn auch das Thema des Tages. Erst als wir die tausend Meter \u00fcber Meer knacken, erfreut und w\u00e4rmt uns die konkurrenzlose Sonne f\u00fcr kurze Minuten. Leider m\u00fcssen wir dann die unter Schwitzen und Nebelnieseln durchn\u00e4ssten Kleider wieder in tiefere Regionen mitf\u00fchren, d.h. zur\u00fcck in die Nebelsuppe. Selbst dort, wo der Wanderweg entlang eines Felsbandes f\u00fchrt, m\u00fcssen wir die Aussicht auf das Mittelland vergessen.<\/p>\n<p>In B\u00e4renwil BL erreichen wir wieder den Talboden. In einem Restaurant halten wir Mittagrast. Ein nahrhafter Aufstieg auf den n\u00e4chsten Juraausl\u00e4ufer beeintr\u00e4chtigt den Verdauungsprozess. Oben angelangt, queren wir weitr\u00e4umige Weidepl\u00e4tze, welche zurzeit noch von Rindern und Milchvieh bestossen sind. Obwohl der Graswuchs bloss noch die H\u00f6he eines k\u00fcrzlich gem\u00e4hten Rasens hat, melden die friedlichen Tiere durch Bimmeln ihrer Glocken, wenn sie auf etwas Essbares stossen. Tiefmatt heisst der Weiler, welcher am Fuss des letzten und steilsten Anstiegs liegt, der auf den felsigen Roggenschnarz f\u00fchrt. Oben l\u00f6sen sich die Nebelb\u00e4nke endlich auf. Noch eine Stunde lang pirschen wir \u00a0durch die dicke Laubdecke des Buchenwaldes, ehe wir bei der Roggenflue ankommen, einer Kanzel auf der ein paar hundert Meter beinahe senkrecht abfallenden Felswand. Das noch in zarten Bodenraureif gebettete schweizerische Mittelland sendet stumme Bilder einer zersiedelten Landschaft hinauf, wobei die belebte N1 und nicht die Aare die Lebensader bildet. F\u00fcr uns ist dieser Ausblick, auch in die Alpenwelt, die sp\u00e4te und kurze Genugtuung unmittelbar vor dem Abstieg nach Balsthal. Von dort bringt uns wie an den Vortagen der \u00f6ffentliche Verkehr in die Innerschweiz zur\u00fcck. Anf\u00e4nglich war vorgesehen, in Hotels zu \u00fcbernachten. Nachdem diese M\u00f6glichkeit nicht an jedem Etappenziel geboten wird, haben wir uns an die keineswegs teurere Variante der t\u00e4glichen Heimkehr gew\u00f6hnt, wodurch unser Rucksack um einiges leichter ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_33\" aria-describedby=\"caption-attachment-33\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02513-22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-33\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02513-22-1024x681.jpg\" alt=\"Balsthal im Herbst\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02513-22.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02513-22-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-33\" class=\"wp-caption-text\">Balsthal im Herbst<\/figcaption><\/figure>\n<p>27. Oktober 2015<\/p>\n<p><strong>Balsthal \u2013 Balmberg; 34197 Schritte<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_34\" aria-describedby=\"caption-attachment-34\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC025181.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-34\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC025181-1024x681.jpg\" alt=\"Es raschelt\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC025181.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC025181-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-34\" class=\"wp-caption-text\">Es raschelt<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_28\" aria-describedby=\"caption-attachment-28\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02477.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-28\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02477-1024x681.jpg\" alt=\"Jurawaldpoesie\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02477.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02477-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-28\" class=\"wp-caption-text\">Jurawaldpoesie<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vom Bahnhof Balsthal heisst es zun\u00e4chst eine Viertelstunde lang Einlaufen durch die Klus, ein Durchbruchstal, welches in der Erdgeschichte durch Erosion entstanden ist. Dann beginnt der Aufstieg auf einer breiten Waldstrasse im Buchenwald. Nebel und goldgelbe Bl\u00e4tter im Unterholz und das braune Laub, welches den Weg fl\u00e4chendeckend tapeziert, pr\u00e4gen den Aufstieg. Nach einer halben Stunde biegen wir ein in einen schmalen Wanderweg, der intimer ist, da wir beim Aufw\u00e4rtsstapfen das Buschwerk streifen und die Sicht nur bis zur n\u00e4chsten Biegung reicht. Dichter Nebel f\u00e4llt von oben in die Baumwipfel. Hohe, schlanke Buchenst\u00e4mme st\u00fctzen den nur schemenhaft erkennbaren Baldachin.<\/p>\n<figure id=\"attachment_27\" aria-describedby=\"caption-attachment-27\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-27-10.39.04.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-27\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-27-10.39.04-1024x765.jpg\" alt=\"Raus aus dem Nebel\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-27-10.39.04-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-27-10.39.04-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-27\" class=\"wp-caption-text\">Raus aus dem Nebel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Fr\u00fcher als erwartet tauchen wir ein in eine neue Welt. Wie gestern durchbrechen wir die Nebeldecke bei rund 1000 m \u00fc. Meer, hier beim Weiler Schwengimatt. Welch herrliche Herbstsonne! Ich lasse die nebelgeschw\u00e4ngerten und schweissgetr\u00e4nkten Klamotten am Rucksack baumelnd trocknen. Der Wanderweg steigt im offenen Gel\u00e4nde an, wo die Sonne ihre volle Wirkung entfalten kann. Bald biegen wir wieder in den Hangwald ein. Auf dieser H\u00f6he sind die B\u00e4ume bereits vollst\u00e4ndig entlaubt und warten auf den Winter. Dadurch blinzelt das Tagesgestirn zwischen den Baumst\u00e4mmen durch, als beobachteten uns seine Strahlen beim Aufstieg zum Grat. Im Jura gibt es bekanntermassen keine B\u00e4ren. Wohl deshalb projiziert Michiko ihr d\u00fcnnes Angstkorsett auf eine Herde einheimischen Milchviehs, hofiert von einem langhornigen schottischen Hochlandbullen. Eine beachtliche Karawane Rinder und Gustis bewegt sich seelenruhig vom Wald her auf demselben Pfad auf uns zu. \u201eMilchk\u00fche verteidigen ihre K\u00e4lber\u201c steht auf Infotafeln am Waldrand. Ich entpuppe mich als fieser Bauernbengel und empfinde unverhohlenes Vergn\u00fcgen beim Aufeinandertreffen der Tiere mit Michiko. Das imposante Geweih des Bullen beansprucht die ganze Breite des Pfads, auch ich muss kraxelnd ins Geb\u00fcsch ausweichen\u2026<\/p>\n<p>Nach diesem Intermezzo steigen wir auf immer knorrigeren Wegen Richtung Krete und folgen dieser bis zum h\u00f6chsten Punkt (1232 m).<\/p>\n<p>Der Abstieg erfolgt in engstem Zickzack; er enth\u00e4lt ein paar T3 Passagen (Vorw\u00e4rtskommen unter Zuhilfenahme der H\u00e4nde). Das furztrockene Laub tarnt nicht selten loses Geschiebe, was leicht zu gef\u00e4hrlichen Rutschpartien auf dem Hosenboden f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck auf dem beweideten Hochplateau, begegnen wir einer Gruppe von \u00fcber einhundert Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern auf ihrer Schulreise vom Weissenstein nach Oensingen. Eine ganz beachtliche Marschleistung in uns entgegen gesetzter Richtung, wenn auch ohne die vom Juraweg Nr. 5 empfohlenen Exkurse auf den Grat.<\/p>\n<p>Ober Balmberg r\u00fcckt in unser Blickfeld. Der Seilpark leicht dar\u00fcber \u00a0liegt bereits im Schatten. Ebenso das Tannenheim, unser Etappenziel. Hier wohnt meine Schwester Elisabeth mit ihrem Mann Ernst. Da das Haus momentan unbelegt ist, haben wir theoretisch 13 Zimmer und ein Massenlager als Nachtgemach zur Auswahl. Quirlige acht Alpakas \u00e4sen auf der Weide hinter dem Tannenheim; sie bemustern uns, jedes Tier entsprechend seinem Charakter. Elisabeth spricht sie z\u00e4rtlich und mit Namen an. Die neugierigen, doch letztlich scheuen Tiere werden f\u00fcr kommerzielle Trekking-Touren in den W\u00e4ldern der Umgebung genutzt.<\/p>\n<div class=\"moz-cite-prefix\"><a class=\"moz-txt-link-abbreviated\" title=\"blocked::http:\/\/www.alpaka-trekking-balmberg.ch\/\" href=\"http:\/\/www.alpaka-trekking-balmberg.ch\">www.alpaka-trekking-balmberg.ch<\/a><\/div>\n<div class=\"moz-cite-prefix\"><\/div>\n<p><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-27-15-48-20.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-36\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-27-15-48-20-1024x764.jpg\" alt=\"Neugierige Alpaka\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-27-15-48-20.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-27-15-48-20-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Neugierige Alpaka<\/p>\n<p>Das Nachtessen ist massgeschneidert zubereitet auf meine W\u00fcnsche und beim anschliessenden Kartenspiel Sidi-Barrani, Frauen gegen Mannen, teilen wir uns in die Anzahl Siege.<\/p>\n<figure id=\"attachment_39\" aria-describedby=\"caption-attachment-39\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02572.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-39\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02572-1024x681.jpg\" alt=\"Zu Gast im Tannenheim: Elisabeth, Ernst, Michiko\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02572.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02572-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-39\" class=\"wp-caption-text\">Zu Gast im Tannenheim: Elisabeth, Ernst, Michiko<\/figcaption><\/figure>\n<p>28. Oktober 2015<\/p>\n<p><strong>Balmberg \u2013 Weissenstein; 13402 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Der heutige Tag ist eigentlich die Vollendung der gestrigen Etappe, die wir durch die \u00dcbernachtung auf dem Balmberg abgek\u00fcrzt haben. Da wir heute und morgen Abend zu Hause Termine wahrzunehmen haben, beschr\u00e4nken wir uns auf dieses zweist\u00fcndige Miniteilst\u00fcck, damit wir f\u00fcr den folgenden Tag wiederum im Fahrplan sind. Ausserdem ist f\u00fcr heute Regen angesagt, welcher allerdings bereits in der Nacht auf heute niedergegangen ist. Unsere Gastgeber haben vorgesehen, das Mittagessen auf dem Weissenstein einzunehmen und wir schliessen uns ihnen gerne an, bevor wir in die Innerschweiz zur\u00fcckreisen. Vorg\u00e4ngig steigen wir auf den lokal bekannten Aussichtspunkt, die R\u00f6ti, 1395 m \u00fc. Meer, von wo sich uns \u2013 F\u00f6hn sei Dank \u2013 die gesamte Alpenkette offenbart.<\/p>\n<p>30. Oktober 2015<\/p>\n<p><strong>Weissenstein \u2013 Plagne; 34292 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Gem\u00e4ss Wetterbericht des Schweizer Fernsehens liegt die Nebel Obergrenze wie in den vergangenen Tagen bei rund 1000 m. Auf dem Weissenstein (1279 m \u00fc. M.) gilt das heute nicht. Wir wandern anderthalb Stunden in der Nebelsuppe durch die Landschaft; auf den kahlen Baumskeletten kondensieren die aufziehenden Schwaden und fallen als Regentropfen auf das Bodenlaub. Wir streben auf einem Schotterweg dem Obergrenchenberg zu. Bald sucht ein mit Holzschwellen befestigter H\u00f6henpfad den Grat, welcher uns die Sicht auf beide Hangseiten des Faltenjuras er\u00f6ffnen sollte. Diese bietet sich uns jedoch erst nach anderthalb Stunden Marschzeit, auf dem breiten Jurar\u00fccken, kurz vor Obergrenchenberg. Das Mittelland versteckt sich unter einer dichten Watteschicht; den Alpenkranz dahinter erkennt man dank guter Fernsicht bis in die Einzelheiten. Die Juralandschaft westlich von uns ist vom Nebel g\u00e4nzlich verschont geblieben. Im Weiler Obergrenchenberg halten wir Mittagsrast.<\/p>\n<figure id=\"attachment_41\" aria-describedby=\"caption-attachment-41\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-30-11.09.07.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-41\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-30-11.09.07-1024x765.jpg\" alt=\"Das Mittelland im Nebel\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-30-11.09.07-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-30-11.09.07-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-41\" class=\"wp-caption-text\">Das Mittelland im Nebel<\/figcaption><\/figure>\n<p>In der Folge verliert der H\u00f6henweg an Attraktion. Der Jura geht in den Kanton Bern \u00fcber, wirkt irgendwie beh\u00e4big. Aus dem Waldpfad wird ein Flurweg, dann eine Kiesstrasse, welche vor Plagne gar asphaltiert ist. Noch sind die ausgedehnten Weiden bestossen, einmal gar mit einer stattlichen Anzahl von Jungpferden. Man f\u00fchlt sich von der Landschaft aufgesogen, sie bietet keine Fernsicht mehr auf das Mittelland oder in die Alpen. Einzelne alleinstehende Gruppen von pr\u00e4chtigen B\u00e4umen haben das Weidegras in weitem Umkreis mit Laub zugedeckt. Wochenendh\u00e4uschen haben sich entlang des Waldrandes angesiedelt. Wir sind noch gesch\u00e4tzte 800 m \u00fc. Meer.<\/p>\n<p>In Plagne, der ersten franz\u00f6sisch sprechenden Gemeinde, entscheiden wir, dem Rat unserer Reisefibel Folge zu leisten und den Weg hinab nach Frinvillier aus dem Fenster des Postautos zu erleben. Es zeigt sich, dass in tieferen Lagen der goldene Herbst immer noch Urst\u00e4nd feiert. Die W\u00e4lder in gesch\u00fctzter Hanglage verbreiten eine spektakul\u00e4re Mischung von Farbmustern und Formen. Unser Autobus beschreibt eine von mir nicht nachvollziehbare Route und ben\u00f6tigt bis Frinvillier beinahe zwanzig Minuten. Daf\u00fcr f\u00e4hrt er anschliessend direkt Biel zu, von wo wir via Bern in die Innerschweiz zur\u00fcckkehren. Das spontane Besteigen des Autobusses konnten wir uns erlauben, weil wir seit heute im Besitze eines Generalabonnements der SBB sind, welches auch f\u00fcr die Postkurse G\u00fcltigkeit besitzt.<\/p>\n<p>31. Oktober 2015<\/p>\n<p><strong>Frinvillier \u2013 Chasseral; 34399 Schritte <\/strong><\/p>\n<p>Der markige Aufstieg aus einer Basish\u00f6he von 550 m \u00fc. Meer in Frinvillier vollzieht sich auf einem schmalen, steilen, aber gut unterhaltenen Pfad inmitten eines bewaldeten Hangs. Laub, gefallen von einer Vielzahl von Baumarten, bedeckt den Boden; auf den Str\u00e4uchern und in den Kronen warten mehr bunte Bl\u00e4tter auf eine sanfte Landung. Der Weg f\u00fchrt schnell auf die Krete, von wo die Gratwanderung weiterhin aufw\u00e4rts f\u00fchrt. Nach ein paar hundert H\u00f6henmetern dringen wir ein in eine dichte Nebelwand. Die belebte Autobahn <em>Transjurane <\/em>unten im Tal sendet ihre Ger\u00e4usche nach oben. Nach einer guten Stunde geht der Waldweg in eine Schotterstrasse \u00fcber und auf etwa 1100 m \u00fc. Meer entrinnen wir dem z\u00e4hen Nebelband. Wir sch\u00fctzen uns vor dem grellen Sonnenlicht und erfreuen uns an angenehmen Temperaturen. Wie gew\u00f6hnlich folgt da und dort ein Zwischenabstieg, wie k\u00e4men wir sonst auf 1320 zu bew\u00e4ltigende H\u00f6henmeter? Viel offenes und teilbewaldetes Gel\u00e4nde liegt vor uns; auf 1300 Metern sonnen sich weidende Viehherden.<\/p>\n<p>Einige Stunden vergehen, bis wir den weit herum dominanten Kommunikationsturm auf dem Gipfel des Chasseral erblicken. Und er macht sich mitunter wieder rar. Es ist Samstag, daher r\u00e4keln sich Familien an der Herbstsonne oder beleben die Wanderwege. Auch Mountain Biker pr\u00fcfen ihre Geschicklichkeit beim Ritt \u00fcber Stock und Stein.<\/p>\n<figure id=\"attachment_43\" aria-describedby=\"caption-attachment-43\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-31-16.06.10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-43\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-31-16.06.10-765x1024.jpg\" alt=\"Weither sichtbar: Kommunikationsturm auf dem Chasseral\" width=\"474\" height=\"634\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-31-16.06.10-765x1024.jpg 765w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-31-16.06.10-224x300.jpg 224w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-10-31-16.06.10.jpg 1936w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-43\" class=\"wp-caption-text\">Weither sichtbar: Kommunikationsturm auf dem Chasseral<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am Ziel auf 1607 m \u00fc. Meer muss ich eingestehen, es ist ein wirklicher Konditionstest gewesen! Da kommt dir der 120 Meter hohe Turm, der weithin die Kuppe des Chasseral verr\u00e4t, n\u00e4her und n\u00e4her, doch stets schleicht sich ein Hindernis, ein H\u00fcgel dazwischen. Vom eher flachen R\u00fccken des Aussichtsbergs, auf dem es sich zahlreiche Ausfl\u00fcgler in der ausgetrockneten, winterfertigen Graslandschaft gem\u00fctlich machen, fehlt noch eine Viertelstunde Marschzeit bis zum Hotel, wo wir \u00fcbernachten. Eine Anbindung des Chasseral durch den \u00f6ffentlichen Verkehr fehlt, daher bewegt sich am sp\u00e4ten Nachmittag eine ellenlange Blechlawine dem Unterland zu.<\/p>\n<p>1. November, Allerheiligen<\/p>\n<p><strong>Chasseral \u2013 Vue-des-Alpes; 32143 Schritte<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_44\" aria-describedby=\"caption-attachment-44\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-01-07.19.10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-44\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-01-07.19.10-1024x765.jpg\" alt=\"Sonnenaufgang auf dem Chasseral\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-01-07.19.10-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-01-07.19.10-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-44\" class=\"wp-caption-text\">Sonnenaufgang auf dem Chasseral<\/figcaption><\/figure>\n<p>Gutes Stichwort (Vue des Alpes = Sicht der Alpen): Wo ist diese wohl grandioser, als vom Fenster des Hotelzimmers auf dem Chasseral? Das Tausendzahngesicht der Schweizer Alpenkette zeigt sich fr\u00fchmorgens blutr\u00fcnstig in Erwartung der ersten Sonnenstrahlen. Doch im Minutentakt verflacht die Morgenr\u00f6te zu einem Orangegelb. Darunter das wollige Nebelmeer, leicht gekr\u00e4uselt, wie ein Weltmeer, das seine Wellen durch ein Foto eingefroren sieht. Kein W\u00f6lkchen dar\u00fcber, die Schweiz an Allerheiligen, friedlich unter der Decke, bewacht vom messerscharf abgegrenzten Gebiss des Alpenkranzes. Und dann hat sie ihren Auftritt, um 7.15 Uhr, die Sonne als Alleinherrscherin am blauen Firmament; der Mond, nachts noch Halloween Schattenbilder werfend, h\u00e4ngt jetzt bleich im Zenit, die Sterne sind verblichen, es herrscht Sonne pur. Alphonse de Lamartine (1790-1869) hat 1817 treffend gedichtet:<\/p>\n<p><em>\u00bbO temps, suspends ton vol! et vous, heures propices, suspendez<\/em> <em>votre cours !<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Laissez-nous savourer les rapides d\u00e9lices des plus beaux de nos jours\u00a0!\u00a0\u00bb<\/em><\/p>\n<p>Von diesem auch topografischen H\u00f6hepunkt senkt sich der Weiterweg, im Schatten des Chasseral, hinab nach P\u00e2quier, teils durch wilde Pfade. Wir kratzen an der Tausendmetergrenze, um bald erneut an H\u00f6he zu gewinnen. In diesem Tal, fernab von Hast und Stress, leben starke Mannen. Der fr\u00fchere Skirennfahrer Didier Cuche hat hier sein Metier gelernt. Auf Abstieg folgt Aufstieg. Auf dem n\u00e4chsten Bergr\u00fccken erscheint wieder dieses Panorama, unbeschreiblich, auch hier. Die Nebeldecke, von der wir den ganzen Tag unbehelligt bleiben, bedeckt das gesamte schweizerische Mittelland und die Voralpen. Der Alpenkranz erscheint uns, je westlicher wir kommen, umso imposanter. Schon um halb drei Uhr treffen wir auf der Passstrasse Vue-des-Alpes ein. Die letzte Postautoverbindung ins Tal verl\u00e4sst den Ort um 16.35 Uhr. Es ist zugleich die letzte Fahrt im laufenden Jahr. Uns bleibt nichts anderes \u00fcbrig, wollen wir die Wanderung fortsetzen, als ein Zimmer zu beziehen. Ein Zimmer mit Blick auf die westlichen Alpen \u00fcber dem Nebelmeer, nunmehr ausgewalzt wie Streichk\u00e4se auf einer Brotscheibe.<\/p>\n<p>2. November 2015<\/p>\n<p><strong>Vue-des-Alpes \u2013 Noiraigue; 43048 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Punkt 07.20 Uhr geht die Sonne auf. Unser Aufbruch beginnt \u00fcber einen holprigen Pfad \u00fcbers\u00e4t mit Wurzeln, Steinen und Laub. Er sucht den Grat. Windstille. Beinahe absolute Stille. Sogar die kommerziellen Jets, die tags\u00fcber unentwegt phonetische Fingerabdr\u00fccke hinab senden, sind noch nicht erwacht. Rechterhand geht der Blick hinunter auf die Uhrenst\u00e4dte La Chaux-de-Fonds und Le Locle, in v\u00f6llig nebelfreier Lage, linkerhand in die Rebberge der Seegestade am Jurafuss. Nun, das mit den Rebbergen ist nicht w\u00f6rtlich zu nehmen, da dichter Nebel die Sp\u00e4tlese seit Tagen vor h\u00f6heren \u00d6chslegraden bewahrt. Wir wandern \u00fcber ausgedehnte, meist desertierte Juraweiden, worin Gruppen m\u00e4chtiger Laubb\u00e4ume im kalkhaltigen und trockenen Hochplateau verwurzelt sind, vielleicht als Schattenspender f\u00fcr das Vieh im Sommer, oder um sich winters gegenseitig warm zu geben. Im alten Jurageh\u00f6ft Grande Sagneule bezahle ich f\u00fcr einen Liter kalte Frischmilch acht Schweizerfranken. Es ist nur ein Ger\u00fccht, dass die Milch aus einer Tetrapackung der Migros stammt. Die K\u00fche sind l\u00e4ngst ins Tal zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_45\" aria-describedby=\"caption-attachment-45\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-02-12.33.44.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-45\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-02-12.33.44-1024x765.jpg\" alt=\"Nebeleinbruch ins Val-de-Travers\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-02-12.33.44-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-02-12.33.44-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-45\" class=\"wp-caption-text\">Nebeleinbruch ins Val-de-Travers<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am Tagesziel in Noiraigue und keine Freude mag aufkommen! Was die letzten zweieinhalb Stunden abging, verdirbt mir den ganzen Tag. Der Weg ist nicht etwa gef\u00e4hrlich, er existiert abschnittweise einfach nicht! Ein letzter Wegweiser mit der gr\u00fcnen 5 sendet uns in Richtung eines hohen Felsbandes. Vor dem Abgrund angekommen, l\u00f6st sich der Pfad bald mehr oder weniger auf. Ein paar Sonnenhungrige geniessen die Novembersonne \u00fcber dem Val-de-Travers, in welchem Nebelschwaden auf und abrollen. Ein Pfad, der diesen Namen verdient, ist nicht auszumachen. Doch eine Alternative zum sich Vorantasten im Geh\u00f6lz, parallel zum Felsband, gibt es nicht, ein Einstieg in die Wand bleibt undenkbar. Mitunter findet sich ein Baumstamm mit einer aufgepinselten gelben Raute, Beweis daf\u00fcr, dass wir uns auf einem Wanderweg befinden. Doch diese Hilfe wird immer sp\u00e4rlicher. Und wir wissen, dass uns noch mehr als zwei Stunden und \u00fcber vierhundert H\u00f6henmeter Gef\u00e4lle erwarten. Trotzdem t\u00fcrmen sich immer wieder Hindernisse vor uns auf, die schweisstreibend zu erklimmen sind. Eine Dame bittet mich um Rat, da sie f\u00fcrchtet, den Weg zu verlieren. Ich schicke sie auf den R\u00fcckweg und sie w\u00fcnscht mir viel Courage. Ab und zu glaube ich, eine F\u00e4hrte zu entdecken, auf vertretenem Laub etwa, das den Waldboden grossfl\u00e4chig bedeckt. Mit Sperberaugen suche ich nach den gelben Rhomben an Buchenst\u00e4mmen. Sie best\u00e4rken mich jeweils f\u00fcr einen Augenblick im Glauben, dass wir uns wenigstens auf erschlossenem Gebiet vorantasten. Es gilt auch, keine Unsicherheit gegen\u00fcber Michiko erkennen zu lassen, welche mir stets auf hundert oder mehr Meter Distanz folgt. So kann sie meine Fl\u00fcche Richtung aller Heiligen nicht vernehmen (und das am Allerseelentag). Wer ist \u2013 Herrgott nochmals \u2013 zust\u00e4ndig f\u00fcr dieses Teilst\u00fcck eines Internationalen Fernwanderweges? Eine Fernsehantenne auf 1119 m \u00fc. Meer versichert uns nach gef\u00fchlten Stunden negativer Gedankeng\u00e4nge, dass wir, obwohl noch kaum an H\u00f6he verloren, auf dem Weg ans Tagesziel Noiraigue sind, welches in 45 Minuten zu schaffen ist. Dort erreichen wir rechtzeitig den Zug Richtung Neuch\u00e2tel und Innerschweiz. Wir h\u00e4tten uns einen vers\u00f6hnlicheren Unterbruch des Jura-H\u00f6henweges geg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>6. November 2015<\/p>\n<p><strong>Noiraigue \u2013 Les Rochat, 27248 Schritte<\/strong> (inkl. Anreise)<\/p>\n<p>Um 09.01 Uhr trifft der Zug fahrplanm\u00e4ssig in Noiraigue ein und um zw\u00f6lf Uhr halten wir Mittagsrast am Rand des Creux du Van. Uns kommt entgegen, dass der Aufstieg sich um diese Jahreszeit im Schatten vollzieht. Uns ist keine besondere Eile geboten, denn wir k\u00f6nnen das zehnte Teilst\u00fcck, welches gem\u00e4ss unserem Paperback Reisef\u00fchrer bis Sainte-Croix geht, um diese Jahreszeit unm\u00f6glich bei Tageslicht bew\u00e4ltigen; deshalb \u00fcbernachten wir auf halber Distanz in Les Rochat und ziehen zwei durchschnittliche Wandertage ein. Der Creux du Van stellt den ungekr\u00f6nten H\u00f6hepunkt des heutigen Tages dar. Man steht dieser Schweizer Antwort auf den Crand Canyon erst gegen\u00fcber, wenn man die letzte der 14 (teils nummerierten) Kurven des Aufstiegs hinter sich gebracht hat: Ein Erosionsloch, 1200 m breit, zwei Kilometer lang, 200 m tief. Die Gesteinsschichten liegen in der Horizontalen, so dass am seitlichen Rand Felstrapeze \u00fcber den Abgrund hinausragen, von Mutigen rege benutzt f\u00fcr Posen \u00fcber dem Nichts. Der ung\u00fcnstige Sonnenstand verhindert spektakul\u00e4re Schnappsch\u00fcsse. Ich beobachte einen einsamen \u00e4lteren Mann (damit ist jeder gemeint, der in meinen Augen \u00e4lter als ich ist\u2026), wie er vor dem Naturwunder steht, mit geschlossenen Augen und bebenden (oder betenden?) Lippen. Ob er sich sprungbereit macht?<\/p>\n<figure id=\"attachment_52\" aria-describedby=\"caption-attachment-52\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC027151.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-52\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC027151-1024x681.jpg\" alt=\"Creux-du-Van f\u00fcr Schwindelfreie\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC027151.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC027151-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-52\" class=\"wp-caption-text\">Creux-du-Van f\u00fcr Schwindelfreie<\/figcaption><\/figure>\n<p>Le Soliat (1463 m \u00fc. Meer) liegt am oberen Rand des ovalen Kraters; dort hat sich eine Ansammlung von Tagestouristen gebildet. Wir verabschieden uns von der gr\u00f6ssten Natursehensw\u00fcrdigkeit, die der Jura zu bieten hat. Die Hochebene \u00f6ffnet den Weitblick in die Westalpen und die nebelfreien Kantone Neuenburg und Waadt. Der Weg f\u00fchrt nun mehr oder weniger stetig talw\u00e4rts durch ausgedehnte Juraweiden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_54\" aria-describedby=\"caption-attachment-54\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02729.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-54\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02729-1024x681.jpg\" alt=\"Creux-du-Van (Poster)\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02729.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02729-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-54\" class=\"wp-caption-text\">Creux-du-Van (Poster)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Restaurant Les Rochat, immer noch auf 1164 m \u00fc. Meer, empf\u00e4ngt uns in einer relativ ebenen Landschaft, die im Winter zahlreiche Langlauf-Loipen durchziehen. Unser Schlafsaal z\u00e4hlt zwanzig enge Pritschen, wir sind alleine, bis ein \u00e4lterer Herr sich in einer andern Ecke sein Pl\u00e4tzchen aussucht. Das Restaurant Les Rochat scheint eine beliebte Ausflugsbeiz zu sein. Schon am Nachmittag sind viele der rund f\u00fcnfzig St\u00fchle im Speisesaal belegt und als wir uns zum Nachtessen einfinden, sind s\u00e4mtliche Tische reserviert. Es ist Wildbretsaison, unserem Essenswunsch nach einem K\u00e4sefondue Mauler (ein lokaler Schaumwein) kann aus Geruchsgr\u00fcnden nicht entsprochen werden. Der gemischte Salat scheint in der industriellen Sauce des Nachmittags zu schwimmen. Aber der Hirschpfeffer mundet Michiko ausgezeichnet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_50\" aria-describedby=\"caption-attachment-50\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02733.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-50\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02733-1024x681.jpg\" alt=\"Restaurant Les Rochat\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02733.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02733-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-50\" class=\"wp-caption-text\">Restaurant Les Rochat<\/figcaption><\/figure>\n<p>7. November 2015<\/p>\n<p><strong>Les Rochat \u2013 Sainte-Croix; 32663 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite Teiletappe kennt einen massiven H\u00f6hepunkt, den Chasseron, mit 1706 m genau gleich hoch, wie sein Fast-Namensvetter Chasseral. Der Weg senkt sich nie unter die Tausendmetergrenze. Er f\u00fchrt \u00fcber Stock und Stein, abgeweidete Graslandschaften, lichte Gemischtw\u00e4lder. Letztere gehen ab 1400 m \u00fc. Meer fast vollst\u00e4ndig in Nadelw\u00e4lder \u00fcber. Eine spezielle Laune der Natur, denn die immergr\u00fcnen Koniferen m\u00fcssen im Winter die ganze Schneelast tragen, w\u00e4hrend die zu Skeletten reduzierten Laubb\u00e4ume vorgesorgt haben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_56\" aria-describedby=\"caption-attachment-56\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-07-13.02.15.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-56\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-07-13.02.15-1024x765.jpg\" alt=\"Sicht vom Chasseron (1607 m \u00fc. M.)\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-07-13.02.15-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-07-13.02.15-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-56\" class=\"wp-caption-text\">Sicht vom Chasseron (1607 m \u00fc. M.)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Gipfel des Chasseron gleicht nur ganz oben einem Gipfel. Weitl\u00e4ufige Weiden begleiten ihn bis wenig Dutzend Meter vor den Triangulationspunkt. Trotzdem: Dieses Panorama! Die ganze L\u00e4nge des Neuenburgersees am Fusse des \u00f6stlichen Juras, dahinter die ausgedehnten Fl\u00e4chen des Waadtlandes, gefolgt von der Alpenkette, dominiert vom Mont Blanc. Der Weg hinab nach Sainte-Croix sucht weiterhin die Krete, w\u00e4hrend die Westflanke schroff, weglos abf\u00e4llt und auf die bescheideneren benachbarten Juraausl\u00e4ufer blickt. D\u00f6rfer, Weiler, viel Wald und \u00fcberraschend gr\u00fcne Wiesen, sodann Landschaften, die irgendwo die Grenze nach Frankreich \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p>Wir erreichen Sainte-Croix, das Eldorado f\u00fcr Musikdosen (z.B. Reuge), mit gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr ein Bier, bevor wir mit dem Lokalzug via Yverdon-les-bains in die Innerschweiz zur\u00fcckkehren. Um die beiden \u201eHalbetappen\u201c geb\u00fchrend zu w\u00fcrdigen, m\u00fcssen wir wohl gewisse Werte zusammenz\u00e4hlen: L\u00e4nge: 31.8 km, Aufstieg: 1715 m, Abstieg: 1380 m, Anzahl Schritte: 59911.<\/p>\n<p>8. November 2015<\/p>\n<p><strong>Sainte-Croix \u2013 Vallorbe; 41811 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Ausgehend vom Bahnhof Sainte-Croix im Unterdorf macht man mit der Steilheit des Dorfes Bekanntschaft, denn der Wanderweg nach Vallorbe verl\u00e4sst das Bergdorf in den oberen Quartieren. Ein d\u00fcnner Pfad windet sich hoch und f\u00fchrt in einen Forst- und sp\u00e4ter Wiesenweg. So gewinnen wir sachte an H\u00f6he, w\u00e4hrend l\u00e4ngerer Zeit auch auf einer asphaltierten Schmalstrasse mit wenig Verkehr. Das prim\u00e4re Ziel ist der 1588 m hohe Suchet, der f\u00fcnfth\u00f6chste Juraberg. Der eigentliche Aufstieg ist happig. Der Weg ist steinig und von Fichtenwurzeln durchwoben, was den Aufstieg gleichzeitig sichert. Mountain Biker stossen ihre Maschinen an uns vorbei. Die Sicht auf der flachen Kuppe l\u00e4sst keine W\u00fcnsche offen. Vom Neuenburgersee ganz links streift der Blick \u00fcber St\u00e4dte und D\u00f6rfer, welche sich inmitten von Acker- oder Wiesenkulturen installiert haben. Verzettelte Waldzungen besetzen Abh\u00e4nge. Aber von unserer Perspektive, welche die eines startenden oder landenden Flugzeugs ist, verschwinden H\u00fcgelz\u00fcge im Waadtland zu einer grossfl\u00e4chigen Ebene. Rechterhand erstreckt sich der Genfersee, teilweise unter einer zarten Dunstschicht. Abgeschlossen wird das Panorama, wie an den Vortagen, durch den Alpenfirn, dominiert durch das Montblanc-Massiv.<\/p>\n<figure id=\"attachment_57\" aria-describedby=\"caption-attachment-57\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-08-13.08.24.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-57\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-08-13.08.24-1024x765.jpg\" alt=\"Sicht vom Suchet (1588 m \u00fc. M.)\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-08-13.08.24-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-08-13.08.24-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-57\" class=\"wp-caption-text\">Sicht vom Suchet (1588 m \u00fc. M.)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was nach den 760 Metern Aufstieg und dem Ausblick folgt, ist der Abstieg vom Suchet auf einem andern Pfad. Man kommt auch dort bloss in Einerkolonne voran. Wie ist es m\u00f6glich, dass Michiko dabei verloren geht? Sie muss unterwegs einer Abbiegung gefolgt sein. Alles Warten und Rufen bringt nichts, als ich ihr Fehlen bemerke. Ich laufe wieder hoch, ein paar Wanderer h\u00f6ren meine Stimme und best\u00e4tigen, dass eine Frau nach ihrem Mann sucht. In der von den Augenzeugen angegebenen Richtung finde ich sie nicht. Wieder zur\u00fcck am Fuss des Suchet, berichtet ein anderes Paar von einer englisch sprechenden Dame, die ihren Begleiter vermisst. Es bietet an, sich an der Suche zu beteiligen, was ich dankend ablehne. Wider jede Logik laufe ich zur\u00fcck in Richtung Sainte-Croix und siehe da, hinter der ersten Kurve sehe ich ihre Silhouette auf mich zukommen. Ich wende sofort und mache mich auf die stundenlange Wanderung nach dem Tagesziel Vallorbe. Insgesamt 1035 H\u00f6henmeter verteilen sich auf relativ flache Flur- oder Waldwege. Michiko halte ich stets auf Blickdistanz. So meistern wir die Wegstrecke wortlos bis nach Sonnenuntergang und erreichen in Vallorbe in der D\u00e4mmerung den Zug nach Lausanne, abfahrtbereit, mit wenig Zeitreserve.<\/p>\n<p>9. November 2015<\/p>\n<p><strong>Vallorbe \u2013 Le Pont; 22129 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Der Martini-Sommer geht weiter. Man kann \u00fcber eine ganze Reihe von Tagen planen. So gesehen w\u00fcrde ich heute daran glauben, dass wir den Jura-H\u00f6henweg noch im laufenden Jahr abschliessen k\u00f6nnen. Heute steht eine Kurzetappe an: 12,8 km; 810 m hinauf; 595 m hinunter. Hauptattraktion ist die Dent de Vaulion (1482 m \u00fc. Meer). Folgt man der gr\u00fcnen 5, so f\u00fchrt der Aufstieg mehrheitlich \u00fcber eine Forststrasse, die f\u00fcr die letzten hundert H\u00f6henmeter \u00fcbergeht in einen recht anspruchsvollen Steilpfad. Hat man den geschafft, ist man erst in Sur le Vou\u00e9 (1154 m \u00fc. Meer). Die gut dreihundert fehlenden H\u00f6henmeter bis zur Dent de Vaulion erfolgen auf Weideland. Man ist fast geneigt, mit Vergn\u00fcgen auf die schwarzen Wolken zu schielen, welche von Westen her aufkreuzen, denn sie neutralisieren die brennende Novembersonne. Auf den finalen f\u00fcnfzig Metern Steigung ist man allerdings froh, dass diese Regenboten ohne Niederschlag vor\u00fcbergehen und die Kletterei \u00fcber Lehm und Stein nicht zur Rutschpartie wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_59\" aria-describedby=\"caption-attachment-59\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02799.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-59\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02799-1024x681.jpg\" alt=\"Vaulion, die 5 auf gr\u00fcnem Grund ist unser Kompass\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02799.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02799-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-59\" class=\"wp-caption-text\">Vaulion (1482 m \u00fc. M.) die 5 auf gr\u00fcnem Grund ist unser Kompass<\/figcaption><\/figure>\n<p>Welche \u00dcberraschung, als knapp nach mir das Ehepaar beim Vermessungspunkt auftaucht, welches vor dem Bahnhof Vallorbe dieselbe Infotafel konsultiert hat wie ich. Diesmal reden wir uns an. Die britischen Rentner haben einen einfacheren Aufstieg gew\u00e4hlt. Auch sie sind im z\u00fcrcherischen Dielsdorf aufgebrochen, allerdings schon im Fr\u00fchjahr. Sie machen immer ein paar Etappen aufs Mal und hoffen, bald vor ihrer eigenen Haust\u00fcr in Nyon das Trekking\u00a0erfolgreich zu beenden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_60\" aria-describedby=\"caption-attachment-60\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02798.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-60\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02798-1024x681.jpg\" alt=\"Sicht vom Vaulion auf den Lac de Joux (1004 m \u00fc. M.)\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02798.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02798-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-60\" class=\"wp-caption-text\">Sicht vom Vaulion \u00a0(1482 m \u00fc. M.) auf den Lac de Joux (1004 m \u00fc. M.)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Sicht auf der Dent de Vaulion ist gegen\u00fcber fr\u00fcheren Bergesh\u00f6hen um eine Attraktion reicher: Der Lac de Joux beeindruckt durch seine Ausdehnung zwischen zwei Juraw\u00e4llen. Auf der S\u00fcdseite gleisst ein Teil des Genfersees zu uns hinauf, heute ohne Dunstfilm. Die Ortschaft Le Pont, am Endpunkt des Abstiegs, liegt just am Joux-See und hat sich mit einer Strandpromenade zu einem Urlaubsort gemausert. Da die Hochebene auf 1000 m \u00fc. Meer im Winter oft in einem Kaltluftsee liegt, kann die Seefl\u00e4che \u00fcber lange Wochen f\u00fcr sportliche Aktivit\u00e4ten genutzt werden.<\/p>\n<p>Am Telefon erfahre ich leider, dass die morgige Etappe von Le Pont auf den Marchairuz-Pass vertagt werden muss, da das Hotel oben nur samstags und sonntags ge\u00f6ffnet hat. Mit einer \u00dcbernachtung auf dem Pass h\u00e4tten wir die morgige und die zweitletzte vom Col du Marchairuz nach St-Cergue elegant im Duopack in Angriff nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>15. November 2015<\/p>\n<p><strong>Le Pont \u2013 Col du Marchairuz; 38579 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>1010 m Steigung, 570 m Gef\u00e4lle, 19,9 km L\u00e4nge, so die Kurzversion dieses Tages. Das H\u00f6henprofil zeigt moderate Steigungen bis zum Mont Tendre, mit 1679 m \u00fc. Meer die h\u00f6chste Erhebung im schweizerischen Jura. Im Feldversuch gestaltet sich der Tagesablauf etwas komplizierter. Die erste Wanderstunde ist ein d\u00e9j\u00e0 vu vom Ende der Etappe vom 9. November (Vallorbe \u2013 Le Pont). M\u00f6glicherweise haben wir den richtigen Anmarsch verpasst, bestimmt f\u00fchren mehrere Wege zum Mont Tendre. An einer Wegscheide zeigen die omin\u00f6sen gr\u00fcnen F\u00fcnfer gar in drei Richtungen. Wir w\u00e4hlen den pragmatischen Weg, in dem wir demjenigen Wegweiser folgen, der unsere heutigen Zwischen- und Tagesziele anzeigt. Daf\u00fcr nehmen wir in Kauf, dass die gelben Rauten oder andere Orientierungshilfen Mangelware sind. Prompt verlaufen wir uns irgendwo im Wald und m\u00fcssen umkehren. Kurz vor dem Mittagshalt finden wir auf den offiziellen Jura-H\u00f6henweg (chemin des cr\u00eates auf Franz\u00f6sisch) zur\u00fcck. Er f\u00fchrt uns m\u00e4hlich und ohne anstrengende Steckenf\u00fchrung auf den topografischen H\u00f6hepunkt der ganzen Jurawanderung. Der Mont Tendre hat keine eigentliche Gipfelform. Daf\u00fcr b\u00f6te er einen Rundblick der Sonderklasse, heute leider beeintr\u00e4chtigt durch starken Dunst. Eine kilometerlange Trockenmauer erklimmt die Anh\u00f6he und folgt der Krete \u00fcber alle Bodenwellen, ein Anblick, wie ich ihn zuletzt von der Chinesischen Mauer in Erinnerung habe. Der Genfersee breitet sich aus wie ein bleicher, plattgedr\u00fcckter Croissant vor dem Dunstschild, der die Alpenkette dahinter verschleiert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_64\" aria-describedby=\"caption-attachment-64\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-13.58.53.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-64\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-13.58.53-765x1024.jpg\" alt=\"Mont Tendre, 1679 m \u00fc. Meer, h\u00f6chste Erhebung des Juras\" width=\"474\" height=\"634\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-13.58.53-765x1024.jpg 765w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-13.58.53-224x300.jpg 224w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-13.58.53.jpg 1936w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-64\" class=\"wp-caption-text\">Mont Tendre, 1679 m \u00fc. Meer, h\u00f6chste Erhebung des Juras<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Weiterweg zum Col du Marchairuz sieht im Schema einem steten Abstieg gleich, aber in Wirklichkeit stellen sich uns immer wieder Dreissig- bis F\u00fcnfzigmeter-Gegensteigungen in den Weg. Im Ganzen d\u00fcrfen wir trotzdem von einer eher leichten Strecke berichten, es gibt nirgends heikle Passagen. Wir treffen denn auch zur vorgesehenen Zeit auf dem Marchairuz-Pass ein und verbringen die Nacht im Hotel gleichen Namens.<\/p>\n<figure id=\"attachment_65\" aria-describedby=\"caption-attachment-65\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-18.52.03.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-65\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-18.52.03-1024x765.jpg\" alt=\"K\u00e4se-Fondue im Hotel Du Marchairuz\" width=\"474\" height=\"354\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-18.52.03-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/2015-11-15-18.52.03-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-65\" class=\"wp-caption-text\">K\u00e4se-Fondue im Hotel Du Marchairuz<\/figcaption><\/figure>\n<p>16. November 2015<\/p>\n<p><strong>Col du Marchairuz \u2013 St-Cergue; 28702 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Die relative Flachetappe wird in unserem Wanderf\u00fchrer mit dem Schwierigkeitsgrad \u201amittel\u2019 benotet, davon gibt es bloss zwei. Alle \u00fcbrigen erhalten das Pr\u00e4dikat \u201aschwer\u2019. Der \u00fcberwiegende Teil des Tagespensums spielt sich in einer Schneise zwischen nicht allzu dichtem Fichtenwald ab. Die Wiesen sind sommers derart intensiv beweidet worden, dass die einzelnen Pfl\u00e4nzchen kahl rasiert auf dem Boden kauern. Selbst der Heilige Rasen von Wimbledon w\u00e4re beeindruckt von der Qualit\u00e4t des Schnitts! Die Flora wartet auf den ersten Schnee. Nach einer Sennh\u00fctte mit dem Namen Planet, sucht der Pfad Waldpassagen mit recht steilen, laubbedeckten Stellen. Der Genfersee r\u00fcckt zwar physisch immer n\u00e4her, doch zu Gesicht bekommen wir ihn nur kurz in einer Waldlichtung. Es ist eine insgesamt angenehme Etappe bei beinahe milden Temperaturen f\u00fcr Mitte November.<\/p>\n<figure id=\"attachment_66\" aria-describedby=\"caption-attachment-66\" style=\"width: 511px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02884.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-66\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02884.jpg\" alt=\"Hinweisschilder wollen unterhalten sein. Merci madame.\" width=\"511\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02884.jpg 511w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02884-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 511px) 100vw, 511px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-66\" class=\"wp-caption-text\">Hinweisschilder wollen unterhalten sein. Merci madame.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Da kurz nach unserem Eintreffen im Bahnhof St-Cergue der Zug Richtung Nyon einrollt, haben wir nicht lange Zeit zum \u00dcberlegen, ob wir vor Ort eine Unterkunft suchen sollen. Wir verschieben den Entscheid bis Nyon, wo sich aber zeigt, dass Hotels in vern\u00fcnftiger Preislage einen h\u00f6heren Suchaufwand erfordern, als wir betreiben m\u00f6gen. Wir besteigen den n\u00e4chsten Zug Richtung Lausanne und\u00a0 Zentralschweiz. Da es sich bei der allerletzten Etappe von St-Cergue \u00fcber das lokale Wahrzeichen La D\u00f4le nach Nyon um die zweitl\u00e4ngste Tagesration handelt, einigen wir uns darauf, dass ich diese alleine bestreiten werde, denn es ist illusorisch, dass wir zusammen das Endziel vor dem Eindunkeln erreichen w\u00fcrden, weil der fr\u00fcheste Zug aus der Innerschweiz erst um 09.30 Uhr in St-Cergue eintrifft. Sch\u00f6n, dass wenigstens das Wetter meinem Unterfangen keinen b\u00f6sen Streich spielen will.<\/p>\n<p>17. November 2015<\/p>\n<p><strong>St-Cergue \u2013 Nyon (Borex); 26360 Schritte<\/strong><\/p>\n<p>Tout est bien qui finit bien, sagen die Welschen. Ende gut alles gut. Nur, ganz ohne Emotionen geht der Jura-H\u00f6henweg am letzten Tag nicht vor\u00fcber.<\/p>\n<p>Um 09.30 Uhr steige ich in St-Cergue als einziger Passagier aus dem Lokalzug von Nyon. Die Windjacke bereits leger um die Lenden geknotet, marschiere ich sogleich zu den Info-Tafeln. Der Aufstieg zum La D\u00f4le beginnt unmittelbar beim Dorfzentrum. Bis auf ein paar Abk\u00fcrzungen im Hang folgt die Route einer Waldstrasse. Ich gewinne rasch an H\u00f6he. Vielleicht vers\u00e4ume ich dabei irgendwo den Einstieg in den Pfad, der direkt zum La D\u00f4le f\u00fchrt. Egal, auf einem Zwischenboden bleibt das Tagesziel sichtbar, auch wenn es \u00fcber einen Zwischenabstieg erreicht werden will. Unterdessen k\u00fcssen Nebelschwaden die Krete um den La D\u00f4le, mit 1677 m \u00fc. Meer die zweith\u00f6chste Erhebung auf dem Jura-H\u00f6henweg. Aus der oben erwarteten Kaiser-Aussicht auf den Genfersee und die Savoyeralpen wird nichts. Zum Gl\u00fcck habe ich den Genfer jet d\u2019eau bereits auf dem Aufstieg entdeckt; ohne diese 140 Meter hohe Wasserfont\u00e4ne w\u00e4re die Rhonestadt nicht zu lokalisieren gewesen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_67\" aria-describedby=\"caption-attachment-67\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02906.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-67\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02906-1024x681.jpg\" alt=\"La D\u00f4le, 1677 m \u00fc. Meer, zweith\u00f6chster Berg im Jura\" width=\"474\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02906.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02906-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-67\" class=\"wp-caption-text\">La D\u00f4le, 1677 m \u00fc. Meer, zweith\u00f6chster Berg im Jura<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Abstieg in Richtung Nyon ist zuoberst etwas erschwert, da Nebelnetzen die Steine und Unterlage auf dem Weg glitschig macht. Sp\u00e4ter durchk\u00e4mme ich stundenlang Wald. Feine Wanderwege lassen ein vergn\u00fcgliches Auslaufen erwarten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_68\" aria-describedby=\"caption-attachment-68\" style=\"width: 511px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02912.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-68\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02912.jpg\" alt=\"Kein Baum zu alt, um n\u00fctzlich zu sein\" width=\"511\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02912.jpg 511w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/DSC02912-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 511px) 100vw, 511px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-68\" class=\"wp-caption-text\">Kein Baum zu alt, um n\u00fctzlich zu sein<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bis zu der Stelle, wo die Strecke infolge Holzschlages rigoros abgesperrt ist. Alles Diskutieren mit den Waldarbeitern bringt nichts. Ich muss mit einer asphaltierten Umfahrungsstrasse Vorlieb nehmen. Dadurch gehen s\u00e4mtliche Wegweiser verloren. Wir sind noch \u00fcber eintausend Meter \u00fcber Meer und man kann sich ausrechnen, wie lange ich den Serpentinen folgen muss, bis sie im Tal angelangt sind. Verkehr hat es keinen; an einer Ecke weisst ein Schild nach dem La D\u00f4le, das andere in \u201aAlle anderen Richtungen\u2019. Die Wahl f\u00e4llt leicht. Ein paar gef\u00fchlte Kilometer weiter unten folgt eine Gabelung, links Lausanne, rechts Genf. Alternativen wie Paris und Moskau h\u00e4tten mir gleichviel geholfen. Ich w\u00e4hle Genf, weil diese Strasse etwas steiler abf\u00e4llt. Ein paar Kurven sp\u00e4ter erblicke ich eine Hinweistafel f\u00fcr die Abtei Notre-Dame de Bonmont. Die Zufahrt zu den Ruinen des ersten Zisterzienserklosters in der Schweiz folgt wenig weiter unten. Die gr\u00fcne 5 am Strassenrand taucht auf, ich weiss mich wieder auf dem richtigen Weg. Allerdings fehlen bis Nyon noch mehr als zwei Marschstunden im Flachen. Ich entdecke auf demselben Schild das Dorf Borex, erreichbar in 35 Minuten. Dort besteige ich den Postbus nach Nyon und verrechne die Irrungen im Wald mit den unn\u00f6tigen Kilometern auf der Ebene vor Nyon.<\/p>\n<p>Eine innere Befriedigung \u00fcbert\u00f6nt bald den Albtraum wegen der Umleitung. Dass ich den gesamten H\u00f6henweg von Dielsdorf bis an den Genfersee noch im laufenden Jahr abschliessen kann, ist dem Jahrhundert-Martinisommer geschuldet. Es w\u00e4re aber ein Trugschluss, daraus zu schliessen, dass das letzte Quartal des Jahres die ideale Jahreszeit f\u00fcr Jurawanderungen ist. Das fr\u00fche Einnachten ist bloss ein Nachteil, andere sind geschlossene Wirtschaften und Hotels und ausged\u00fcnnte oder gar eingestellte Winterfahrpl\u00e4ne der Postautos.<\/p>\n<figure id=\"attachment_72\" aria-describedby=\"caption-attachment-72\" style=\"width: 474px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/img285.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-72\" src=\"http:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/img285-1024x744.jpg\" alt=\"Streckenprofil Jura-H\u00f6henwanderung (aus erw\u00e4hntem Wanderbuch\" width=\"474\" height=\"344\" srcset=\"https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/img285-1024x744.jpg 1024w, https:\/\/joe.tyberis.com\/jura\/files\/2015\/11\/img285-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 474px) 100vw, 474px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-72\" class=\"wp-caption-text\">Streckenprofil Jura-H\u00f6henwanderung (aus benutztem Wanderbuch)<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Copyright 2015 by Josef Bucheli<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Oktober 2015 Dielsdorf \u2013 Turgi; 37111 Schritte Der Jura-H\u00f6henweg besteht offiziell aus 15 Tagesetappen und beginnt im z\u00fcrcherischen Dielsdorf, um in Nyon am Genfersee zu enden. Das erste Teilst\u00fcck f\u00fchrt \u00fcber den \u00f6stlichsten Ausl\u00e4ufer des Faltenjuras, die L\u00e4gern, und endet im aargauischen Brugg, nach anspruchsvollen 895 m Steigungen und 970 m Gef\u00e4llen. 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