Fernost-Kreuzfahrt

Singapore – Bangkok – Ho Chi Minh Stadt (Saigon) – Hoi An (Vietnam) – Hongkong – Shanghai (19.01 – 04.02.2019)

19.01

Flug mit Swiss LX176 nach Singapore. «Chum lueg» aus der CD 50 Jahre Ennenda vermittelt Swissness, als die Boeing 777-300 ER sich zum Abheben anschickt. Natürlich bevorzuge ich eine andere Art Unterhaltung von meinem persönlichen Bildschirm an der Rücklehne des Fluggastes vor mir. Den Überblick über das Unterhaltungs-Angebot zu gewinnen und die Bedienung des Systems sind gar nicht so einfach zu handhabende Dinge, aber die Zeit arbeitet für mich, denn die Distanz Zürich – Singapore ist mit 10’908 km angegeben auf der laufend aktualisierten Seite des Flugverlaufs. Die Flugdauer beträgt 11 Stunden und 27 Minuten.

20.01

Das Abzählen der Stunden bis zum Erreichen des Ziel-Flughafens ist etwas, worauf ich verzichten könnte. Doch allmählich bröckelt die Flugzeit, hat der ewiggleiche Bass-Tinnitus der Maschine ein Ende. Mit der Landung in Singapore und der anschliessenden Bewältigung des Immigrations-Marathons kann die Kreuzfahrt durch Südostasien beginnen.
Die Einschiffung verläuft mühsam; mehrfache Kontrollen. Zu guter Letzt schleppen wir das Gepäck selbständig in unsere Bleibe für die kommenden vierzehn Tage auf dem Kreuzfahrtschiff Constellation der Celebrity Cruises. Los geht’s auf Futtersuche. Kein Problem bei den mehrfachen Essens- und Getränke-Ausgabestellen im 10. Stock.

21.01

Singapore. Ein halbtägiger Ausflug mit einem Reisebus zeigt uns einiges vom Inselstaat.

Singapore – im Orchideen-Garten

Zwischenhalte im Orchideen-Garten und an Stellen am Wasser, die zu Fuss über Brücken und Unterführungen erreicht werden müssen. Der Reisebus quert Stadtbezirke, die durch vorwiegend indische, arabische oder chinesische Bevölkerung geprägt sind. Die Vorzeigestrasse Orchard Road mit den schicken Hotels und Boutiquen erleben wir vom Wagenfenster aus und lauschen dabei den Erklärungen des Guides. Der Stadt-Staat zählt fünfeinhalb Millionen Einwohner auf 719 km2. Er unterhält eine Armee, eine Navy und sogar eine Luftwaffe. Es gilt eine zweijährige Militärdienstpflicht. Die Rekruten und Soldaten leisten wichtige Trainingseinheiten notgedrungen im Ausland, bis Australien. Vielleicht nicht in Malaysia, denn – so Charly – von diesem Nachbarland werde Singapore regelmässig gepiesackt. Das ist leicht zu bewerkstelligen, denn über die Brücke vom malaiischen Festland wird lebenswichtiges Wasser eingeführt. Rassistische Probleme zwischen den Ethnien und Religionen sind in Singapore schwer denkbar oder kommen kaum an die Oberfläche, denn der Staat kontrolliert und reguliert alles. Personal dazu ist üppig vorhanden, der Staat ist der weitaus grösste Arbeitgeber. Vom Lohn – immer gemäss Charly, unserem chinesisch-stämmigen Stadtführer – werden 20 % Einkommens-Steuern erhoben, ausserdem 17 % für die Altersvorsorge abgezwackt. Da Arbeitslose somit nicht in die Vorsorge einzahlen, stemmt sich jeder dagegen, nicht zu arbeiten.

Singapore

Der halbtägige Ausflug ist nicht Teil des Angebots unseres Reisebüros, aber von diesem als Zugabe offeriert. Unsere Schweizer Reisegruppe zählt vierzig Personen; bei Problemen können die Teilnehmer sich an den eigens mitgereisten Jürg des Reiseveranstalters wenden. Der Tagesablauf auf dem amerikanischen Schiff Constellation weisst wesentliche Unterschiede auf zu Gepflogenheiten auf Schiffen europäischer Reedereien. Klar, dass alles englisch und nur englisch ist. Bei der obligatorischen Rettungsübung bemüht sich der Lautsprecher immerhin, auch eine deutsche und eine portugiesische Durchsage zu machen. Die Rettungswesten werden in den Kabinen belassen und die Gäste im Theatersaal versammelt und (nur) auf Englisch auf eine unwahrscheinliche Notsituation hingewiesen. Die zum Teil lärmigen Veranstaltungen von Animatoren auf Oberdeck entfallen. Es werden weder Tanz- noch Sprachkurse angeboten. Die Sitzordnung beim Abendessen im Restaurant ist nicht fix. Man kann sich in einem gewissen Zeitfenster zwischen Sechsertisch und Zweiertisch entscheiden und wird im ersten Fall mit Gästen tafeln, die etwa zur gleichen Zeit eintreffen. So kommen immer wieder anregende Gespräche zustande. Gestern mit Engländern, Kanadiern und Deutschen. Das Kanadische Paar kommt aus Halifax. Es erinnert sich gut an den Crash der damaligen Swissair-Maschine SR111 vom 2. September 1998 an den Ufern des Atlantiks; der Engländer bemüht sich, den Brexit und das angebliche Problem an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland zu erklären.

22.01

Nach dem Lichten des Ankers stehen eine Nacht und ein Seetag an, Zeit uns mit der neuen Umgebung vertraut zu machen. Wir haben ein Getränkepaket gebucht und wundern uns, dass kohlensäurehaltiges Mineralwasser nicht darin enthalten ist. Nun, ist einfach so, immerhin ergattern wir eine Liste, worin aufgeführt ist, welche Getränke in welcher von drei Kategorien von Paketen frei erhältlich sind. Dass jede Konsumation über die sog. SeaCard registriert wird, dient wohl der Kontrolle, ob sich das Angebot für die Reederei rechnet. Als einziger in unserer Reisegruppe hinterlege ich für die Nebenkosten – und dazu gehören die obligaten Trinkgelder pro Tag – keine Kreditkarte, sondern wähle Barzahlung. Hier wird im Gegensatz zu anderen Gesellschaften dafür keine Vorleistung in Form eines Depots verlangt, man gewährt mir Kredit bis US$ 500.

Celebrity CONSTELLATION

23.01 Thailand

Um die Mittagszeit Ankunft im Hafen von Laem Chabang, Thailand. Sämtliche Passagiere, auch jene, die das Schiff nicht zu verlassen beabsichtigen, sind gehalten, sich mit ihrem Reisepass, der SeaCard, der Thai Arrival Card und einer Kopie des Reisepasses dem Immigrations-Prozedere im Hafengelände zu unterziehen. Einige unserer Gruppe erkundigen sich nach der Möglichkeit, für den Nachmittag einen Ausflug nach Pattaya, ein bekannter Bade- und Vergnügungsort unweit unseres Standortes, zu machen. Taxis im Hafengelände umwerben denn auch die Unschlüssigen, ja es stehen sogar Busse mit fixer Rückkehrzeit bereit. Michiko und ich wagen den Versuch, die Stadt Laem Chabang zu Fuss zu erreichen, weil es dort anscheinend ein Quartier mit japanischen Rentnern geben soll. Die sengende Hitze und die Einsicht, dass wir das Ziel im weiträumigen Gelände kaum in angemessener Frist erreichen würden, veranlassen uns bald zum Rückzug.
Zum Abendessen wählen wir einen Sechsertisch und erwarten wiederum spannende Gesellschaft. Miyo ist eine naturalisierte Amerikanerin aus Los Angeles, von japanischen Eltern. Die feinsinnige Dame in unserem Alter hat sich heute einem Taxifahrer anvertraut und nach Pattaya fahren lassen, dieser hat dort gewartet und sie anschliessend wieder an Bord gebracht. Unsere Aufmerksamkeit gilt dem folgenden Tag, mit einem neunstündigen Ausflug nach Bangkok und Abfahrt um 06:45 Uhr; wir bestellen den Zimmerservice für das Frühstück und lassen uns auf sechs Uhr wecken.

24.01

Der Tag beginnt um Mitternacht, als Michiko brüllt, es sei sechs Uhr. Bereits vollständig angezogen, entdecke ich den Irrtum, sie hat die Armbanduhr auf dem Kopf konsultiert. Alte Weisheit: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Als es dann wirklich losgeht, erreichen wir nach drei Stunden Bangkok, das Herz der thailändischen Hauptstadt. Alles auf Autobahnen, topfeben. Die Lastkraftwagen – und davon verkehren viele im Umkreis des Hafens – sind punkto Geschwindigkeit strikte durch den Fahrtenschreiber gemassregelt. In der Nähe Bangkoks regelt sich der Verkehrsstrom selber, er bestimmt die letzte Fahrstunde unseres Busses. Das bietet uns die Gelegenheit, den Alltag neben der Fahrbahn vom privilegierten Sitz aus zu betrachten, luftgekühlt, denn die Aussentemperatur ist lähmend.
Die Hauptsehenswürdigkeiten Bangkoks sehen wir uns zu Fuss an. Der Grand Palace oder Königspalast umfasst Gebäude auf 218’000 m2. Der ganze Komplex ist ein wahrer Augenschmaus, mit einer Ästhetik, wie sie barocke Kirchen in Europa ausstrahlen. Allerdings treten hier die Bauwerke in einer Dichte auf, die einmalig ist. Das wissen auch die Tausenden Besucher, in der Mehrheit Chinesen.

Bangkok – Liegender goldener Buddha

Neben dem Königspalast betreten wir noch den Tempel Wat Phra Kaeo mit einer riesigen liegenden vergoldeten Buddha-Statue. Gerade rechtzeitig bietet Jürg uns eine Flasche Wasser an. Die Ameise, so der Kosename der einheimischen Touristenführerin, überhäuft uns seit dem frühen Morgen mit mehr Infos, als die meisten verarbeiten können. Sie tut dies weiterhin im Menschengewühl, wo nur die Gäste unmittelbar neben ihr etwas mitbekommen. Sie sucht und findet nach einigen Unsicherheiten die richtige Gasse zum Hauptfluss, wo sich farbenfrohe Boote unterschiedlicher Grösse tummeln, ähnlich wie in Venedig. Eines davon nimmt uns auf und schaukelt uns zu einem Selbstbedienungsrestaurant, wo wir eine andere Touristengruppe ablösen. Die Eindrücke, die uns die thailändische Hauptstadt in wenigen Stunden vermittelt, sind einzigartig, aber auch erschöpfend. Niemand sträubt sich dagegen, als uns der Bus an den Hafen von Laem Chabang zurückfährt.
Michiko stellt auf dem Rückweg zum Schiff fest, dass sie auf dem rechten Ohr plötzlich taub ist. Trotzdem geniessen wir den Rest des Tages auf Oberdeck und verabschieden die untergehende Sonne bei einem Glas Coke mit Whiskey. Am Diner setzen wir uns mit drei amerikanischen Paaren zu Tisch. Einer der Herren frohlockt über seine Schweizerreisen nach Grindelwald und auf den Pilatus. Ein junges Rentner-Paar gibt sich als ehemalige Mitarbeiter einer Nestlé-Niederlassung in USA aus, das sich mit 55 Jahren in Frühpension schicken liess. Michikos Ohrenleiden wird zum Thema. Sie fühlt sich zusehends unwohl, und so verlassen wir die Runde und den Saal als erste. Beim Erreichen des Ausgangs muss sie sich übergeben. Sekundenschnell rennt Personal herbei, sperrt den Bereich ab und warnt mich davor, die Frau zu berühren. «Virengefahr!» begründet man und begleitet sie, nunmehr unfähig zu stehen, zum Medical Center im Grundgeschoss. Dort nimmt eine Praktik-Assistentin Michiko in Empfang, macht erste Erhebungen, nicht ohne den Hinweis, dass die Konsultation mit US$ 200 zu Buche schlägt. Etwas später erscheint ein gut gelaunter Arzt, um die Gehörgänge zu inspizieren. Er macht einen Wachspfropfen aus im rechten Ohr und spült es mehrmals. Da sich der Fremdkörper nicht erweichen lässt, verschreibt er eine Tinktur, die Michiko in den folgenden zwei, drei Tagen ins Ohr träufeln lässt. Weil die Brechreize nicht aufhören, verabreicht der Arzt ihr eine Spritze zu deren Eindämmung. Ein Seetag steht an, es fragt sich, ob vielleicht ein Hörsturz vorliegt, welcher frühestens in Vietnam fachärztlich behandelt werden könnte. Ich rufe die Assistenz-Nummer meiner Krankenkasse an, welche mich nach internen Konsultationen zurückruft. Nachdem das Guthaben meines Handys aufgebraucht ist, endet das Gespräch abrupt. Auf das eingehende SMS der Assistenz kann ich mangels Guthaben nicht reagieren. Michiko versucht zu schlafen, leichter Schwindel begleitet sie aufgrund der verabreichten Spritze, wie vom Arzt vorausgesagt.

25.01 Seetag

Am heutigen Morgen fühlt sich Michiko besser, was den Magen betrifft. Ich hole ihr etwas Kaffee und Toast, dann sprechen wir mit Jürg. Auf seine Intervention hin kriegen wir eine freie Leitung für den Rückruf an die Assistenz. Obschon es sich um eine 24-Stunden Bereitschaft handeln sollte, beantwortet niemand den Anruf, es ist etwa drei Uhr früh in der Heimat. Also warte ich zu, bis die allgemeine Arbeitszeit in der Schweiz einsetzt. Nun muss ich aber einige Bemühungen dransetzen, damit ich erneut eine kostenlose Leitung benutzen darf. Es wird ein zwanzigminütiges Gespräch mit mehreren Personen, bei welchen ich immer wieder den Namen und das Geburtsdatum meiner Frau wiederholen darf. Als letzte meldet sich eine Oberärztin und findet, wir dürfen zuwarten, sollen uns aber bei jeder Veränderung (Schwindel, Kopfweh) erneut melden. Sie mutmasst, dass der Pfropfen im Gehörgang die Ursache der Taubheit ist. Mehr als eine Cortison-Spritze könne man bei einem Besuch im Krankenhaus nicht erwarten.

26.01 Ho Chi Minh Stadt (Saigon)

Hier gilt dieselbe Uhrzeit, wie in Bangkok, was zum Teil falsch kommuniziert wurde. Ankunft des Schiffes gemäss dem Bordmagazin «Today» wäre 9 Uhr vormittags, die Constellation ist aber schon um sieben Uhr vertäut. Die Schweizer Reisegruppe sollte sich um 08:45 Uhr auf einen neunstündigen Landausflug begeben. Um meine tägliche Ration im Gym abzustrampeln, finde ich mich dort ungewollt früh ein, die Wanduhr zeigt 05:30 Uhr an. Damit komme ich sogar meinem blinden Nachbarn zuvor, der hier täglich sein Programm neben mir mit Leistungs-Niveau 1 abspult. Auch die weiteren bereits vertrauten Gesichter treffen erst allmählich ein. Die bullige Amerikanerin, deren Gesicht nicht zu ihrer blonden Mähne passen will, schafft Niveau 8 auf dem Home-Trainer und das über eine halbe Stunde lang. Dann begrüsst sie andere Foltergeräte, die vielleicht ihre kräftige Schulterpartie erklären. Mein tägliches Ziel ist es, 666 Kcal mit Niveau 10 abzuschwitzen, was gut 20 km entspricht. Das verlangt mir rund 83 Minuten Beinarbeit bei einem durchschnittlichen Pulsschlag von 80/min.

Morgenritual im Gym

Der Ausflugsbus nach Ho Chi Minh-City, dem früheren Saigon, benötigt mehr als eine Stunde, um in Stadtnähe zu gelangen. Abgesehen von ein paar Mangroven-Sümpfen ist die ganze Strecke entlang der Autobahn besiedelt, wenngleich oft nur in der ersten Reihe, wo sich kleine Läden und Werkstätten angesiedelt haben. Der augenfälligste Unterschied zu Bangkok ist die Schrift. Thailand hat seine eigene Schrift, während Vietnam das lateinische Alphabet benutzt, allerdings erhalten viele Buchstaben Zusatzzeichen. Die Architektur verrät die koloniale Vergangenheit. Etwas typisch Vietnamesisches gibt es kaum. Wir besichtigen einen Tempel. Da ihn schon Obama besucht haben soll, wohl einen wichtigen. Das ganze Anwesen ist von Touristen verstopft; niemandem käme in den Sinn, beim Eingang die Schuhe auszuziehen. Es wird in allen Richtungen gefilmt und fotografiert, auch Einkehr suchende Gläubige. Der Besuch eines Marktes darf nicht fehlen. Die zwanzig Minuten dafür reichen nicht aus, um durch alle Gänge und Querverbindungen zu streifen. Man fragt sich, wie viele Anbieter hier genug erwirtschaften können, um zu überleben. Die wenigsten aus unserer Gruppe verfügen über einheimisches Geld, wir sind nur Voyeure und werden von den Verkäufern mehr oder weniger übersehen.

Tempeldetail in Ho Chi Minh Stadt (Saigon, Vietnam)

Das Mittagessen, welches in einem Restaurant eingenommen wird, entspricht voll meinen Erwartungen. Mehrere Gänge werden nacheinander aufgetragen, jeder Gast bedient sich nach Gutdünken. Das schmackhafte Dosenbier kostet zwei Dollars, man nimmt die amerikanische Währung ohne weiteres entgegen. Mehrere Teilnehmer sind durch die verschiedenen Stopps angezählt, dennoch muss noch der Platz besichtigt werden, wo die Statue Ho Chi Minhs steht. Unweit daneben das Opernhaus und die Stelle, wo am 30. April 1975 ein US-Hubschrauber die letzten Amerikaner auf dem Dach eines Hauses abholte, wonach der Vietnam-Krieg endete.
Chaotisch ist das Verkehrsaufkommen in der Innenstadt. Ich entdecke während des ganzen Tages einzig zwei Fahrräder in der topfebenen Stadt, die eigentlich für Drahtesel prädestiniert wäre. Sie sind ersetzt durch zehntausende Mopeds, die Termiten gleich durch Strassen und Gassen rauschen, alle Fahrer behelmt, oft mit Beifahrer, mitunter gar ganzen Familien mit drei bis fünf Passagieren auf einem Gefährt.
Nach der Rückfahrt zur Constellation werden wir auf dem Vorplatz mit eisgetränkten Feuchtetüchlein empfangen und uns werden Becher mit Trinksame gereicht. Wir sind zurück auf unserer Kreuzfahrt-Scheinwelt.

27.01 Seetag

Zeit für den erneuten Besuch im Medical Center. Dr. Dave von Südafrika erscheint mit einer gewinnenden Miene und erfragt den Grund des Besuchs. Dann kontrolliert er Michikos Gehörgänge und folgert sogleich, dass der Pfropfen nicht das Problem sei. Tönt niederschmetternd. Dann zeichnet er ein Inner-Ohr und ortet die Ursache hinter dem Trommelfeld. Mit einer Pinzette befreit er den äusseren rechten Gehörgang. Um das Ungemach hinter dem Trommelfeld zu lösen, gibt er Michiko einen Spray auf Basis von Cortison. Richtig angewandt, werde die Flüssigkeit durch das Trommelfeld diffundieren und dort dafür sorgen, dass sie in fünf Tagen wieder hören könne. Dr. Dave tönt dermassen überzeugt, dass wir seine Diagnose gerne entgegennehmen.
Die Unterhaltung an Bord war bislang, was Musik betrifft, ausschliesslich amerikanisch und laut. Gestern kam nun ein britischer Comedian zum Soloauftritt, es bleibt somit Unterhaltung für die anglophilen Gäste. Erst nimmt er sich selbst auf die Schippe mit der Botschaft, dass seine Frau zum zweiten Male schwanger sei, diesmal nicht von ihm. Sie würden das Kind Brexit taufen, weil von niemandem gewünscht. Auch die Amis kriegen ihr Fett ab. Das Niveau in den Schulen steige ständig, da immer weniger Schüler in die Klassenzimmer hineinpassten. Als nach dem anfänglichen Gelächter ein Raunen zu vernehmen ist, fragt er nach, ob denn Amerikaner im Publikum sässen, was auf die Mehrheit zutraf. Er entschuldigte sich artig bei ihnen und legte gleich nach, er hätte geglaubt, sie seien im Restaurant (am Futtern). Und so weiter, eine Stunde lang.
Wolken und Fahrtwind kühlen die Temperaturen auf Oberdeck. Nicht alle Liegen sind mehr besetzt, die Ausharrenden legen sich eine zweite Wolldecke zu oder verlegen ihren Aufenthalt in den Bereich des Innenpools. Für mich die willkommene Gelegenheit, den Tennis-Final des Australian Open zu schauen, wenn auch ohne Schweizer Beteiligung. Nadal – Djokovic bedeutet puren Genuss, senza Stress. Der Ausgang ist eindeutig, doch Djokovics Leistung mit Michelangelos Sixtinischer Kapelle zu vergleichen, wie es der Kommentator von Kanal Sport 24 tut, ist wohl Geschmackssache.

28.01 Hoi An (Vietnam)

HUE/DA NANG/ (CHAN MAY) VIETNAM steht auf dem Today des heutigen Tages. Hue liegt 61 km nördlich vom Dock Chan May entfernt, aber wir besuchen die einstige Hauptstadt nicht. Der Bus führt unsere Schweizer Reisegruppe durch einen sieben Kilometer langen Strassentunnel nach Südvietnam. Ähnlich dem Gotthardmassiv, bildet das Gebirge über dem Tunnel eine Art Wetterscheide, denn der Regen auf der Anfahrt weicht schönem Wetter und mit 24°C angenehmer Temperatur über den ganzen Tag. Wir queren Da Nang, eine Stadt mit gut hunderttausend Seelen, als die Amerikaner 1965 hier landeten, heute leben mehr als eine Million Menschen in dieser modernen Stadt mit mondänen Hotels entlang eines kilometerlangen Sandstrandes. In der Nähe ragen die Marmorberge wie Kamelbuckel aus der bewaldeten Ebene auf. Die Bearbeitung von Marmor bildet einen wichtigen Erwerbszweig, der traditionell durch gewisse Familien betrieben wird. Die Marmor-Steinhauer ziselieren mit höchster Fertigkeit die unterschiedlichsten Sujets. Leichte bis tonnenschwere Figuren stehen zu Hunderten in Hallen oder auf dem offenen Feld. Und sie werden auf Bestellung in alle Welt verschickt, wie eine Holzkiste illustriert, die nach Schlieren versandbereit herumsteht.

Marmorfiguren jeder Grösse (Umgebung Da Nang, Vietnam)

Unser Tagesziel ist Hoi An. Das bewohnte, belebte Freilichtmuseum soll 850 registrierte Baudenkmäler, Brücken, Häuser, Läden, Pagoden, Tempel und Gräber unter UNESCO-Welterbe-Label zählen. Eine Augenweide, auch wenn man ein Auge immer auf den Verkehr werfen muss in den engen Gassen, wo die Touristen durch die schiere Dimension des Geländes aufgesogen werden. Ein Fluss grenzt die historischen Quartiere verschiedener Kolonialmächte ab, darauf tummeln sich farbenfroh geschmückte Boote. Das chinesische Quartier hebt sich farblich von den übrigen ab, weil wir kurz vor dem chinesischen Frühlingsfest stehen. Eine besondere Sehenswürdigkeit bildet die Japanische Holzbrücke aus dem 16. Jh. Wir beschlagnahmen sie als Fotosujet wie alle anderen Touristen und überqueren sie, ohne über die historische Bedeutung Gedanken zu verlieren. Weil der ehemalige Hafen versandet ist, weichen die grossen Schiffe heute auf Da Nang aus und die Touristen geniessen umso mehr die einmalige Atmosphäre dieses Orts.

Hoi An (Vietnam)

Während der zwei Vietnam-Tagen gewann ich nie den Eindruck, in einem kommunistischen Land zu sein. Mausarme Leute und Bettler fallen nicht auf. Durch die Strassen und über Kreuzungen schwärmende Roller und Mopeds prägen das Strassenbild. Sie hetzen zu jeder Tageszeit Zielen entgegen, die kaum einer staatlich gesteuerten Planwirtschaft gehorchen. Als ich Dieu, unsern heutigen Touristenführer bitte, etwas über die politische Situation zu erzählen, winkt er ab; das könne er nicht, aber, «es werde ständig besser in seinem Land.» Nicht ohne Stolz verkündet er, dass Vietnam nach Brasilien der zweitgrösste Kaffeeproduzent weltweit sei. Auch Kakaoanbau wachse an Bedeutung.

29.01 auf See

Es ist relativ frisch auf Oberdeck, der Himmel bedeckt bis sonnig. Nach dem Gym-Besuch gibt es die Möglichkeit, im Theatersaal interessanten Vorträgen zu lauschen. Dr. Myles Cooley spricht über Mythen und Psychologie. Er beginnt mit dem Mythos, dass Zuckerkonsum die Kinder zu Hyperaktivität anrege, was er wissenschaftlich als vielfach widerlegt wähnt. Eine anschliessende Session mit Marshall Stern bringt uns Meditation im Buddhismus näher. Beide Referenten beabsichtigen, ihr jeweiliges Thema in nachfolgenden Sessionen zu vertiefen. Am Mittagstisch kommen wir mit einem chinesischen Paar ins Gespräch, welches in Hongkong lebt und also morgen zu Hause ankommt, aber bis Shanghai weiter an Bord bleiben wird. So haben wir bereits eine beachtliche Anzahl Bekanntschaften gemacht. Nur mit Schweizern unserer Reisegruppe sind wir noch nicht zu Tisch gesessen. Ironischerweise stellt uns ein Engländer eine Deutsche vor, mit welcher er am Vortag dinierte und trotz Sprachbarriere viel zu lachen hatte. Sie arbeitet in der Intensivstation der Klinik St. Anna in Luzern und gehört unserer Schweizer Reisegruppe an!
Die Celebrity Cruises wurden 1989 mit dem Eigenanspruch gegründet, die beste Kreuzfahrtgesellschaft zu sein und sich von andern abzuheben. Sie kommt diesem Ziel recht nahe, denn man wird als Gast jederzeit herzlich gegrüsst und nach dem Befinden gefragt. Kleine Aufmerksamkeiten, wie Erfrischungstüchlein aus Stoff bei der Rückkehr von einem Ausflug, sowie ein Becher Getränk ehe man das Schiff wieder besteigt, werden geschätzt. Auch die persönliche Begleitung an einen Tisch, auf Wunsch ‘share’ zusammen mit anderen Gästen oder an ein Einzeltischlein, das haben wir bei keiner anderen Reederei so erlebt.

30.01 Hongkong

Der heutige Ausflug führt auf die Insel Lantau. Dort leben nur gut hunderttausend Menschen, aber es gibt einige touristische Sehenswürdigkeiten. Der neue Flughafen wurde auf ganz dem Meer abgerungenem Terrain gebaut. Wir beobachten den Flugbetrieb während einer zwanzigminütigen Fahrt in einer Gondelbahn hinauf zum buddhistischen Kloster Po Lin. Diese Fahrt mit Sicht auf Hochhäuser, bewaldete Berge, Küstenstreifen und unglaubliche Infrastrukturbauten wird selber als eine erstklassische Sehenswürdigkeit angepriesen.

Po Lin Kloster, Lantau, Hongkong (Detail)

Die zahlreichen zum Kloster gehörenden Sakralbauten können meine Erwartungen nicht in Ektase bringen; sie glitzern und glänzen wie anderswo. So sehr ist die Umgebung vom Kommerz vereinnahmt, dass selbst dort, wo Fotografieren untersagt ist, man ungeniert im Versteckten abdrückt. Da hat wohl selbst die mit 34 Metern weltweit grösste sitzende Buddha-Statue aus Bronze ein Einsehen. Um zu ihr zu gelangen, gilt es aber über 200 Treppenstufen zu erklimmen. Wenn für den Flughafen gigantische infrastrukturelle Herausforderungen zu bewältigen waren, was soll man dann erst von der Brücke von Lantau nach Macao halten? Tatsächlich wurde vor wenigen Wochen die terrestrische Verbindung Hongkongs mit der ehemaligen portugiesischen Kolonie Macao eröffnet, eine Brücken-Autobahn von sagenhaften 55 Kilometern Länge!

Autobahn-Brücke Hongkong – Macao, 55 km!

Genau genommen taucht sie nach wenigen hundert Metern für sechs Kilometer in einen Unterwasser-Tunnel ein, damit die grossen Ozeandampfer ungehindert Durchfahrt haben. Der Haupt-Sponsor dürfte ohne Zweifel China sein. China denkt in grösseren Zeitfenstern als die restliche Welt. Nur so ist zu erklären, dass auf der Brücke Rechtsverkehr herrscht, obwohl sowohl Hongkong als auch Macao Linksverkehr haben. Im Jahr 2047 wird sich das wohl ändern, dann nämlich, wenn die beiden Sonderzonen vollständig in China integriert werden. Die Fahrbahn auf Stelzen ist ebenfalls von der Seilbahn aus zu sehen, bis zur Stelle, wo sie abtaucht.
Zurück auf der Insel Kowloon, wo die Constellation vertäut liegt, nehmen wir das Mittagessen ein in einem einschlägigen Restaurant für Gruppengäste. Den Nachmittag beschliessen wir mit einem mühsamen, weil ermüdenden Spaziergang durch den Ladies Markt. Dieser quillt über von Menschen. US$ werden im Allgemeinen nicht angenommen; soll man überhaupt Geld wechseln, und wenn ja, wieviel, wenn man nur zwei Tage bleibt, und die Ausflüge und Mittagessen im Ausflugs-Paket inbegriffen sind? Wir übernachten im Schiff. Für Nachtschwärmer bleibt der Zutritt 24 Stunden offen.

31.01 Hongkong

Heute führt der Halbtagesausflug auf die Insel Hongkong, die wir durch einen Strassentunnel erreichen. Wir sind, wie vermutet, nicht alleine unterwegs. So schleicht der Bus im Schatten schlanker Wolkenkratzer dahin, bis uns der Fahrer aussteigen lässt an der Talstation des vermutlich weltweit ältesten Trams, eine Standseilbahn von 1888, gebaut von vonRoll/Thun. In rund acht Minuten schafft The Peak Tram knapp hundert Personen auf den Peak, früher bekannt als Victoria Peak. Nur Nebel und Dunst könnten die atemberaubende Kulisse von der 552 m hohen Bergstation vergällen. Heute ist die Sicht bei leichtem Wind fast kaum zu übertreffen. Der Touristenführer versucht uns zu erklären, dass die durchsichtige Dunstschicht zwischen den Geschäfts- und Wohntürmen nicht etwa Smog sei, denn wie der Blick auf das offene Meer beweise, läge auch über diesem immer eine Dunstschicht.

Hongkong vom (Victoria) Peak

Der Bus holt uns an der Bergstation ab und fährt weiter auf die relativ dünn besiedelte Rückseite der Insel Hongkong. Beachtliche Sandbänke laden bei 23°C niemanden zum Baden, aber man stelle sich dieses nahe Erholungsgebiet an heissen Sommerwochenenden vor. Eine buddhistische Tempelanlage soll, so unser deutschsprachige Führer Tak, die Schulkinder sanft an religiöse Bräuche heranführen. Religion ist kein Unterrichtsfach, bei der Anzahl gelebter Glaubens-Bekenntnissen verständlich. Es wird kaum ein Cliché ausgelassen in diesem Disney-Land der Figuren. Und doch beobachtet man junge Frauen, die eine Statue von oben bis unten betasten, die ihnen Mutterglück verheissen soll.
Ein paar Fahrminuten daneben treten wir eine viertelstündige Tucker-Fahrt durch die schwimmende Welt der Boat-People, die sich an der Küste angesiedelt haben. Es soll sich bis zu fünfzigtausend Menschen gehandelt haben, was aus hygienischer Sicht irgendwann untragbar wurde. Der Staat, der hier alles Land besitzt, liess Hochhäuser hochziehen, welche je 1600 Personen eine neue Bleibe ermöglichten. Dutzende Wohnblöcke halfen die verbleibenden Boat-People auf etwa tausend zu reduzieren. Tuckernd dürfen wir die schwimmenden Behausungen als Voyeure annähern.
Auf dem Rückweg zu unserem eigenen Wohnschiff, die Constellation, passieren wir einen von angeblich mehreren Stadien für Pferderennen. Und das inmitten der Finanz-Metropole. Pferderennen sollen unglaubliche Umsätze erwirtschaften, die Rede ist vom Gegenwert von zwölf Milliarden US$ pro Jahr. Tak ist mit Abstand der beste einheimische Guide auf unserer Reise, sein Deutsch bühnenreif. Und so erhalten seine Erläuterungen eine besondere Aussagekraft. Er hält auch nicht zurück mit seiner politischen Meinung, wenn es um die Zukunft Hongkongs geht. Der Vertrag zwischen Grossbritannien und der Volksrepublik China gilt noch 28 Jahre und ermöglicht die Selbstverwaltung und Rechtsprechung durch die Hongkonger. Ausser für das Verteidigungs- und Aussenministerium behalten die lokalen Behörden die Selbstständigkeit, und die wird bisher durch China im Grossen und Ganzen toleriert. Wir würden Tak noch stundenlang am Ohr hängen, aber der Ausflugsbus erreicht unser Schiff und wir wechseln – über die üblichen Checks – in eine Welt zurück, von der Tak und alle bisherigen lokalen Reiseleiter wohl nur träumen können.

01.02 Seetag

Wieso muss man uns bereits drei Tage vor der Ausschiffung auf das Ende der Kreuzfahrt einstimmen? Wir erhalten entsprechende Infos auf täglicher Basis, in gewissen Fällen mehrfach. Jürg, der umsichtige Guide unserer Schweizergruppe hält täglich Audienz, um Problemen die Spitze zu brechen. Wir selbst haben seine Unterstützung sehr geschätzt, als es darum ging, mit der Assistenz der Krankenkasse (gratis) zu telefonieren. Er ist anscheinend ein Hobby-Kapitän, lässt er doch nichts unversucht, uns einen Besuch auf der Kommandobrücke zu ermöglichen. Dort werden wir vom griechischen Kapitän und seinen Offizieren in das tägliche Handwerk der Verantwortlichen des schwimmenden Hotels eingeweiht. Jürg übersetzt und gibt eigenes Wissen zum Besten.
Die Speisekarte des Restaurants San Marco offeriert uns täglich ein gutes halbes Dutzend wechselnde Menüs, plus einige gleichbleibende. Alle sind gekennzeichnet, ob Glutenfrei, Laktosefrei, Vegetarisch und ohne Zuckerzusatz. Ich könnte jedes der Menüs vorbehaltlos empfehlen. Schlicht top. Punkt. Wenn etwas sehr mundet, würde man gelegentlich ein Supplement wünschen. Kein Problem, man kann auch zwei Menüs bestellen, aber da gib es auch noch die Karte für den Nachtisch; ich genehmige mir da täglich eine Auswahl an Käsen zum Abrunden des Weines. Die Sommeliers haben schnell begriffen, dass ich den Rioja bevorzuge.
Es ist die SeaPass Card, welche Bargeld an Bord unnötig macht. In unserem Falle sind die meisten Getränke à discrétion zur Verfügung, was reichlich benutzt wird, wie man auf Deck, an den Bars, neben den Liegestühlen und am Rand der Sprudelbad-Becken unschwer feststellen kann. Das System der Getränke-Pakete erzeugt eine Eigendynamik. Man hat dafür mit dem Arrangement viel Geld bezahlt (in unserem Fall 55 US$ pro Tag) und möchte einen fairen Gegenwert. Hier ein Bier, da ein Prosecco zum Aperitif, Wein zum Mittag- und Abendessen, eine Cola mit Whiskey, Gin, Rum, Bacardi, oder einen Cognac zum Theaterbesuch. Alle Getränke werden auf der Karte registriert, womit die Reederei leicht ermitteln kann, wie sich das für sie rechnet. Und wie sich die Preisgestaltung für die kommenden Generationen Kreuzfahrer zu Buche schlägt. Ich hätte auf das Getränkepaket verzichtet, das war aber im Programm meines Reisebüros nicht möglich. Ein deutscher Anbieter überliess diese Wahl dem Gast, das Angebot war aber insgesamt teurer als das Paket inkl. Exkursionen des Reisecenter Plus aus Urdorf.

02.02 Seetag

Letzter Seetag. Letzter Tag im Gym. Die vertrauten Gesichter der Frühaufsteher, man nimmt sich wahr und ignoriert sich. Die Amerikanerin mit der Goldmähne wagt sich auf dem Home-Trainer an Level 9. Die zähe chinesisch-stämmige Fünfzigerin drückt Level 12 mit Zeitlupentempo durch, der hagere Schweizer aus unserer Reisegruppe, mit hängender Locke im Gesicht, drangsaliert seine Tretmühle mit einer unglaublichen Kadenz und zieht das mindestens eine halbe Stunde lang durch. Wir haben noch kein Wort miteinander gewechselt. Der Blinde hat sich seit Vietnam nicht mehr blicken lassen. Sein Platz auf dem Home-Trainer mit Liegesitz wird von einem Glatzkopf beansprucht. Ich muss heute meine 666 Kcal auf einer Maschine mit aufrechtem Sitz abspulen, dafür mit Triathlon-Lenker.

03.02

Ausschiffung. Zwei Stunden anstehen, aufrücken, warten, bis wir aus der Immigrations-Halle in Shanghai ins Freie entlassen werden. Dort erwarten uns ein bissiger Wind und winterliche Temperaturen. Eine halbtägige Entdeckungsfahrt durch Shanghai steht uns bevor. Heidi, so der Kosename von Frau Tao, weiss uns um den Finger zu wickeln. Die Landschaften in der Schweiz seien so unbeschreiblich schön, dass es sie jeweils unterwegs reue, einen Wimpernschlag zu machen. In einem Monat kommt sie erneut für drei Tage und will unbedingt im Heidiland wandern gehen… Zuerst lässt sie uns an Plätzen aussteigen, wo sich die Wolkenkratzer gegenseitig Schatten spenden. Die höchsten stecken die Nase tatsächlich in die Wolken, nomen est omen. Das Mittagessen wird an Rundtischen mit Drehscheibe serviert. Alle Gerichte, und es sind etliche, werden auf der Glasscheibe aufgereiht, damit die Gäste sich aus den Servierplatten bedienen können.

Der Shanghai Tower schraubt sich in die Wolken

Heidi gibt einiges von sich, das jeden beeindruckt. Shanghai beanspruche eine Fläche, die dem Siebenten Teil derjenigen der Schweiz entspreche, aber 24 Millionen Einwohner habe. Infolge der geringen Geburtenzahl sei diese Statistik gar rückläufig, werde aber durch Zuzüger vom Land ausgeglichen. Seit Singapore hören wir vom bevorstehenden chinesischen Neujahr. Die Vorboten sind an allen Etappenorten sichtbar, was auf bedeutende chinesische Bevölkerungsanteile in den Ländern des Fernen Ostens hinweist. In Shanghai sind die Strassen leer, Millionen haben den traditionellen Besuch der Verwandten auf dem Land angetreten. Die Festivitäten beginnen am Tage unseres Abschieds, also morgen.
Der Yu-Garten wurde im 16. Jh. auf einem Gelände von nur zwei Hektar erbaut, ein ausgezeichnetes Beispiel chinesischer Gartenbaukunst. Man tut gut, sich einen genauen Treffpunkt zu merken, z.B. ein auch in China gängiges Starbucks Coffee, um sich nicht zu verlieren. Es scheint, dass die in der Stadt verbliebenen Einwohner und natürlich sämtliche ausländischen Touristen sich hier Stelldichein geben. Zwischen Teichen und Brücken, Büschen und Gartenhäusern tauchen im Hintergrund die Umrisse der Wolkenkratzer auf, der mit 632 m höchste entrückt schemenhaft im dunstigen Nachmittagshimmel.

Shanghai – Yu Garten (Hintergrund Shanghai Tower, 632 m)

Shanghai wurde vor über hundert Jahren von verschiedenen Kolonialmächten vereinnahmt. Den einzelnen Ländern wurden Stadtgebiete mit eigener Rechtsprechung zugestanden, sog. Konzessionen. Einige dieser Quartiere sind erhalten geblieben, und sie machen den charmanten Kontrast zu den unzähligen Hochhäusern der Neuzeit aus. Heidi beweist ihren Geschäftssinn, als sie uns in einen Betrieb schleust, wo Erzeugnisse hergestellt und verkauft werden auf der Basis des Rohstoffs von Seidenraupen. Mit beachtlichem Erfolg. Auch Michiko entscheidet sich für eine Bettdecke, die zwei Kilo reine Seide enthält und für ein paar tausend Raupen den Tod bedeutet haben dürfte.
Ausser Programm offeriert uns Heidi eine Stadtrundfahrt durch das nächtliche Shanghai. Und sie nimmt dafür gerne Schweizerfranken, weil sie für ihre kommende Schweizerreise nur beschränkt Geld wechseln könne. Die Mehrzahl der Teilnehmer folgt ihr, so dass der Bus uns zu den eindrücklichsten Orten führt, wo wir die Farben und wandernden Leuchtschriften auf Gebäudewänden bestaunen können. Als Kontrast dazu beschliessen wir die letzte Nacht mit einem Bummel durch die französische Konzession, ein Quartier, das heute von aussen immer noch den Charme der alten Tage verströmt, während sich im Innern meistens teure Restaurants eingenistet haben.

Shanghai bei Nacht

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